Gelbe Pilzblüte – täuschend echt

Abb. 1: Echte Blüte des Gelbgrases Xyris links und zwei Pseudoblüten in zwei Stadien. (Bild: Kenneth J. Wurdack, National Museum of Natural History, Smithsonian Institution, Washington, DC)
Mit Pilzen verbinden wir Speisepilze oder auch Giftpilze, aber auch vielerlei Krankheiten beim Menschen oder bei Nutzpflanzen. Eine sehr ausgefallene Art, sich eines pflanzlichen Wirts zu bemächtigen, wurde kürzlich bei der Pilzart Fusarium xyrophilum entdeckt, die zu den Schlauchpilzen gehört. Diese Art ahmt bei befallenen Arten Blüten nach, ein sehr selten vorkommendes Phänomen. Anders als in anderen Fällen wird durch den Befall mit Fusarium nicht pflanzliches Gewebe umgewandelt, sondern der Pilz selbst bildet Blütenimitate (Pseudoblüten) ausschließlich aus Pilzgewebe – eine bisher einmalige Beobachtung.
Fusarium befällt einige wenige Arten der sehr artenreichen und meist gelb blühenden Gattung Xyris (Gelbgras), die zur Ordnung der Süßgräserartigen (Poales) gehört.
Entdeckt wurden die Pseudoblüten in den Savannen des südamerikanischen Guyana von Kenneth Wurdack. Einige etwas ungewohnt gestaltete Xyris-Blüten waren ihm aufgefallen. Diese entpuppten sich nicht als Blütenvarianten, sondern als Pilzgewebe. Zusammen mit einem Team untersuchte Wurdack zwei der betroffenen Arten – Xyris setigera und X. surinamensis – genauer (Laraba et al. 2020). Die Forscher stellten fest, dass der Pilz nicht nur die Blüten nachahmt, sondern einen Duft erzeugt, der dem Blütenduft entspricht und UV-Licht reflektiert, das für die Bestäuber anziehend wirkt. Bevor der Pilz selber Pseudoblüten bildet, sterilisiert er die Wirtspflanzen, so dass diese keine echten Konkurrenten um den (Pseudo-)Blütenbesuch durch Insekten bilden. Vermutlich fördert der Pilz durch die Bildung der Pseudoblumen seine eigene Verbreitung, denn auch die Pseudoblumen werden von Bienen besucht, wodurch Pilzsporen verbreitet werden können.
Wie sich diese komplexe Form der Pseudoblumen-Bildung entwickelt haben könnte, ist unbekannt. Das System scheint nur im Wesentlichen ganz oder gar nicht zu funktionieren. Unklar ist auch, weshalb die Beziehung von Parasit und Wirt so wirtsspezifisch ist – sie wurde nur bei vier der über 250 Xyris-Arten entdeckt. „Und wie kann ein Pilz, der die Pflanzenfruchtbarkeit derart beeinträchtigt, mit seinem Wirt koexistieren?“ fragt das Deutsche Bienen-Journal (4/2021, S. 4). Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie ein Pilz überhaupt eine neue Verbreitungsstrategie „erfindet“, zumal nach evolutionstheoretischen Vorstellungen ein Vorteil der neuen Strategie gegenüber der bisherigen vorliegen sollte. Doch ein solcher Vorteil ist fraglich, denn die übliche Verbreitung von Pilzsporen durch den Wind ist so wirksam, dass Pilzsporen als „allgegenwärtig“ gelten; wozu sollten also Insekten für die Verbreitung engagiert werden? Man könnte allenfalls mutmaßen, dass der gezielte Transport der Sporen vom energetischen Aufwand her ein Vorteil sein könnte, weil weniger Sporen produziert werden müssen. Anspruchsvoll ist auch die Fähigkeit, die Wirtspflanze an der Blütenbildung zu hindern, ohne sie abzutöten. Die Schöpfung zeigt sich hier einmal mehr von ihrer sehr ausgefallenen Seite.
R. Junker
[Laraba I, McCormic SP et al. (2020) Pseudoflowers produced by Fusarium xyrophilum on yellow-eyed grass (Xyris spp.) in Guyana: A novel floral mimicry system? Fungal Genetics and Biology 144, 103466. 8]