„Total unsichere“ Phylogenie an der Basis der Vögel

Vögel gelten heute in der Fachwelt als „lebende Dinosaurier“. In den letzten Jahren wurden zunehmend vogeltypische Merkmale bei Di-nosauriern aus der Gruppe der Theropoden* nachgewiesen. Daher gilt ein schrittweiser Übergang von Dinosauriern zu Vögeln als fossil gut belegt. Nur wenige Merkmale eignen sich demnach, um zwischen Vögeln und Dinosauriern zu unterscheiden. Man könne daher heute keine Grenze mehr zwischen Dinosauriern und Vögeln ziehen. Eine Analyse zahlreicher vogeltypischer Merkmale zeigt jedoch, dass diese in der Regel so unsystematisch auf verschiedene Theropodengruppen verteilt sind, dass evolutionstheoretisch eine mehrfach unabhängige Entstehung angenommen werden muss (Konvergenz*). Darüber hinaus sind nach aktuellen Phylogenien* viele dieser Merkmale nicht an der Basis der jeweiligen Gruppen, sondern bei jüngeren Formen ausgeprägt gewesen, womit sie nicht als Merkmale bei mutmaßlichen Vogelvorläufern gerechnet werden können (Junker 2019).

Die Vögel und die mit ihnen evolutionstheoretisch nächstverwandten Gruppen – die Deinonychosaurier (Troodontidae und Dromaeosauridae) – werden als Paraves* zusammengefasst. In einer aktuellen Überblicksarbeit über diese Gruppe gelangen Agnolin et al. (2019) zu Schlussfolgerungen, die die o. g. Ergebnisse von Junker (2019) bestätigen. Sie stellen fest, dass ein Konsens über die phylogenetischen Beziehungen der Paraves längst nicht erreicht ist. Der evolutionäre Übergang zu den Vögeln sei wesentlich komplexer gewesen als bisher angenommen und weitgehend verdeckt durch die mosaikartige Verteilung anatomischer Merkmale im Theropoden-Stammbaum (Agnolin et al. 2019, 2). Daher sei das Wissen über die Schritte zum Erwerb anatomischer und verhaltensbiologischer Merkmale, die zum Ursprung des Vogelfluges beitragen, noch immer ungewiss und im Wandel begriffen. Die Autoren stellen weiter fest, dass sie keine klare Abfolge von evolutionären Neuerungen finden konnten. Auch sei der Fossilbericht im Bereich des Übergangs von Dinosauriern zu Vögeln spärlich, und neue Fossilien würden benötigt, um die Lücken zwischen den verschiedenen Kladen (Zweige des Stammbaums) der Paraves zu schließen. Die Natur der frühen Radiation*, die unter den Paraves zu den Vögeln geführt habe, sei „völlig ungewiss“ („totally uncertain“), ebenso wie ihr Ursprungszentrum und ihre Ausbreitungswege (Agnolin et al. 2019, 22).

Es sei außerdem seit langem bekannt, dass viel „Experimentierung“ stattfinde, wenn eine neue adaptive Zone erreicht wird. Daher werde der Übergang von Dinosauriern zu Vögeln von zahlreichen Konvergen-zen in eng verwandten Linien bei vogelartigen Merkmalen begleitet. Das Ausmaß der evolutionären Ex-perimentierung und der Konvergenzen in Bezug auf „Vogelartigkeit“, die durch jüngste Entdeckungen, insbesondere aus China, deutlich geworden seien, hätten zur Folge, dass ein Konsens über phylogenetische Beziehungen schwer zu erreichen sei (Agnolin et al. 2019, 22). Dies äußere sich auch darin, dass in den letzten Jahren verschiedene Hypothesen zur Phylogenie der Paraves vorgeschlagen wurden (Agnolin et al. 2019, 2).

Kommentar: Wenn wirklich eine Evolution abgelaufen wäre, würde man ein solches Ergebnis („totally uncertain“) nicht erwarten. Das Auftreten von Konvergenzen gilt als unwahrscheinlich, erst recht, wenn es vielfach vorkommt. Nicht umsonst konstruiert man Stamm-bäume so, dass möglichst wenige Konvergenzen angenommen werden müssen. Begriffe wie „Experimentierung“ oder „komplexe Evolution“ verschleiern diesen Umstand nur, ohne etwas zu erklären. Sie stehen für den Befund, dass die Merkmale der einzelnen Gruppen netzartig und nicht baumartig verbunden sind. Evolutionstheoretisch erwartet man aber baumförmige, nicht netzförmige Ähnlichkeitsbeziehungen unter den Gruppen der Lebewesen. Weitere Funde können diese Situation auch nicht mehr grundsätzlich auflösen, könnten aber das „Merkmalsnetz“ noch „dichter“ machen. Bestenfalls kommen durch neue Funde keine neuen netzförmigen Verbindungen mehr hinzu. Die Geschichte der Paläontologie gibt zu dieser Erwartung allerdings wenig Anlass. Diese Situation wiegt umso schwerer, als der mutmaßliche evolutive Übergang von Dinosauriern zu Vögeln als eine der bestbegründeten Evolutionsabfolgen gilt.

Glossar

Konvergenz: Zwei- bis mehrfache Entstehung weitgehend baugleicher Merkmale bei nicht abstammungsverwandten Formen. Paraves: Vögel und ihre evolutionstheoretisch nächstverwandten Gruppen. Üblicherweise wer-den die Deinonychosaurier (Troodontidae und Dromaeosauridae) dazu gerechnet. Als gemeinsames (namengebendes) Merkmal der Deinonychosaurier („schreckliche Klaue“) gilt eine vergrößerte sichelförmige zweite Kralle. Phylogenie: Stammbaumrekonstruktion. Radiation: Vielfache evolutionäre Aufspaltung einer Organismengruppe. Theropoden: „Handräuber“, Gruppe zweibeiniger, meist räuberisch lebender Dinosaurier; aus dieser umfangreichen Gruppe sollen die Vögel hervorgegangen sein.

R. Junker

[Agnolin FL, Motta MJ, Brisson Egli F, Lo Coco G & Novas FE (2019) Paravian Phylogeny and the Dinosaur-Bird Transition: An Overview. Front. Earth Sci. 6:252. doi: 10.3389/ feart.2018.00252 • Junker R (2019) Sind Vögel Dinosaurier? Eine kritische Analyse fossiler Befunde. Internet-Publikation. https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/b-19-4_dinos-voegel.pdf]