Flugunfähigkeit bei Vögeln – ein verbreitetes Phänomen
Ein seit Langem bekanntes Phänomen ist der Verlust der Flugfähigkeit bei Vögeln. In den meisten Fällen sind flugunfähige Vogelarten mit flugtauglichen Arten nah verwandt, so dass ein sekundärer Flugverlust offenkundig und eine primäre Flugunfähigkeit (s. u.) unwahrscheinlich ist. Besonders häufig kommen flugunfähige Vogelarten auf ozeanischen Inseln vor; ein relativ bekanntes Beispiel ist der Galapagos-Kormoran, der auf zwei der Galápagos-Inseln im Pazifik lebt (Abb. 1).

Abb. 1: Flugunfähiger Galapagos-Kormoran (Nannopterum harrisi) auf Isabela, Tagus Cove, beim Trocknen der kurzen Flügel. (Ellen Goff/Danita Delimont, AdobeStock)
Unter den heutigen Vogelarten sind etwa 60 Arten flugunfähig. Doch in einer aktuellen Analyse zeigt ein Forscherteam um Manuel Steinbauer von der Universität Bayreuth, dass Flugverlust in der Geschichte der Vögel viel öfter eingetreten ist. Denn seit dem Ende der Eiszeit sind überproportional viele flugunfähige Vögel – mindestens 166 Arten – ausgestorben, direkt oder indirekt bedingt durch menschliche Tätigkeit (Sayol et al. 2020).
Es zeigt sich, dass in mehr als der Hälfte aller Vogelordnungen mindestens eine Vogelart ihre Flugfähigkeit verloren hat; insgesamt mindestens 150 Mal unabhängig; 35 Mal bei den heute lebenden Arten (Sayol et al. 2020, 2). Durch weitere Untersuchungen wird sich diese Zahl wahrscheinlich noch erhöhen.
Ursprünglich muss der Flugverlust vorteilhaft gewesen sein. Fliegen ist energetisch sehr aufwändig, und wenn aufgrund der Konkurrenzverhältnisse (besonders auf Inseln) die Flugfähigkeit nicht benötigt wird, können durch den Verlust Ressourcen gespart werden. Flugunfähige Vögel sind größer und schwerer als ihre flugfähigen Verwandten und haben oft andere ökologische Nischen erschlossen, die andernorts durch Säugetiere besetzt sind. Mit der Ankunft des Menschen und der durch ihn eingeführten Tiere änderte sich diese Situation jedoch; die flugunfähigen Vögel waren nun deutlich im Nachteil, da sie agilen Jägern nicht gut entkommen können. Es liegt also ein Selektionsdruck zur Re-Etablierung des Fliegens vor.
Neben diesen bedauerlichen ökologischen Konsequenzen ist die Häufigkeit des Flugverlusts aber auch relevant für evolutionstheoretische Fragen. Flugunfähigkeit bei heutigen Arten mit echten Federn wird nämlich immer als sekundär angesehen (Chiappe 2002). Ein Weg zurück zur Flugfähigkeit wurde nie beschritten. Das ist insofern bemerkenswert, als Flugerwerb ursprünglich evolutiv ausgehend von primär flugunfähigen Dinosauriern erfolgt sein soll. Das ist paradox: Ein sehr viel aufwändigerer Um- und Neubau des Flugapparats soll zwar möglich gewesen sein, nicht aber die Wiedererlangung der Flugfähigkeit ausgehend von sekundär flugunfähigen Formen, und das, obwohl dazu aufgrund der großen Artenzahl viele Möglichkeiten dafür bestehen sollten. Außerdem: Wenn Flugfähigkeit energetisch so „teuer“ ist, dass sie anscheinend bei jeder sich bietenden Möglichkeit aufgegeben wurde, ist es auch aus diesem Gesichtspunkt unplausibel, dass Flugfähigkeit jemals de novo ausgehend von flugunfähigen Formen entstanden ist – bei sehr viel größerem Aufwand des Neuerwerbs.
Am Rande sei noch angemerkt: Aus der Sicht der Schöpfungslehre könnte man bei einigen flugunfähigen Vögeln eine primäre Flugunfähigkeit annehmen, so zum Beispiel bei den Kiwis oder den Pinguinen. Denn diese Formen sind deutlich gegen andere Vogelgruppen abgegrenzt und mit flugfähigen Arten nicht näher verwandt. Nicht jede Vogelart muss fürs Fliegen erschaffen worden sein.
R. Junker
[Chiappe LM (2002) Osteology of the flightless Patagopterys deferraraiisi from the Late Cretaceous of Patagonia (Argentina). In: Chiappe LM & Witmer LM (eds) Mesozoic birds: Above the heads of dinosaurs. Berkeley, Los Angeles, London: University California Press, pp 281–316 • Sayol F, Steinbauer MJ, Blackburn TM, Antonelli A & Faurby S (2020) Anthropogenic extinctions conceal widespread evolution of flightlessness in birds. Sci Adv. 6:eabb6095]