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Neuer Australopithecus-Fund und das Grundtypmodell

von Michael Brandt

Studium Integrale Journal
27. Jahrgang / Heft 1 - Mai 2020
Seite 42 - 43

Zusammenfassung: Ein neuer Schädelfund von Australopithecus anamensis zeigt völlig unerwartet ein ausgeprägtes Merkmalsmosaik. Mit diesem Fund ist die bisherige evolutionstheoretische Deutung von Australopithecus anamensis als Vorläuferart von Australopithecus afarensis hinfällig. Die Merkmale von Australopithecus anamensis sind besser im Grundtypmodell der Schöpfungslehre als in einem evolutionären Stufenleitermodell zu verstehen.

Bisherige Überreste von Australopithecus anamensis aus Kenia und Äthiopien, zu denen Zähne sowie Kiefer- und Extremitätenknochen gehören, zeigen „primitivere“ Merkmale als das entsprechende Material von Australopithecus afarensis. Die Australopithecinen werden im Evolutionsmodell als Vormenschen, im Schöpfungsmodell dagegen als separater Großaffen-Grundtyp gedeutet. Ausgehend von den „primitiven“ Merkmalen und der früheren zeitlichen Stellung (3,9 bis 4,2 Millionen Isotopenjahre) wurde Australopithecus anamensis im evolutionären Stammbaum der Paläanthropologie als Ahne von Australopithecus afarensis eingestuft und damit auch in die zum Menschen führende Ahnenreihe gestellt.

Erstmalige Untersuchungsergebnisse der Wirbelsäule versetzten dieser Deutung einen ersten „Knacks“, denn Meyer & Williams (2019) stellten am ersten, zweiten und sechsten Halswirbel sowie ersten Brustwirbel von Australopithecus anamensis „fortschrittlichere“ anatomische Merkmale gegenüber Australopithecus afarensis fest. Endgültig obsolet wurde die bisherige phylogenetische Deutung nun durch die Entdeckung eines nahezu vollständigen Schädels von Australopithecus anamensis in Woranso-Mille, Äthiopien.

Der auf 3,8 Millionen Jahre datierte Schädel MRD-VP-1/1 (Abb. 1) weist eine völlig unerwartete Kombination von Merkmalen auf (Haile-Selassie et al. 2019).

Abb. 1: Der neu entdeckte Schädel MRD-VP-1/1 von Australopithecus anamensis. Der auf 3,8 Millionen Jahre datierte Fund weist einen unerwarteten Mix aus „primitiven“ und „fortschritt­lichen“ Merkmalen auf. (© Dale Omori, Cleveland Museum of Natural History)

MRD besitzt einerseits „primitive“ Merkmale. Dazu gehören ein Schädelvolumen von nur 365-370 cm3 (zum Vergleich: Schimpansen haben ein Gehirnvolumen von durchschnittlich 385 cm3) und eine niedrige, nur leicht gekrümmte Sutura squamosa (Schuppennaht). Beide Merkmale teilt der neue Schädelfund nur mit dem frühen Homininen1 Sahelanthropus tschadensis. Weiterhin zeigt MRD eine gegenüber Australopithecus afarensis stärkere Einschnürung hinter der Augenhöhle (postorbitale Konstriktion). Der Ausprägungsgrad ist bei Australopithecus anamensis ähnlich dem des oben erwähnten Sahelanthropus tschadensis und dem des Homininen Ardipithecus ramidus, welche als sehr „primitiv“ eingeschätzt werden.

Das ausgeprägte Merkmalsmosaik von Australopithecus anamensis ist überzeugender im Grundtypkonzept als in einem evolutionären Stufenleitermodell zu verstehen.

Im Gesicht weist der neue Schädelfund dagegen Merkmale auf, die zum einen vergleichbar denen bei Australopithecus afarensis sind, zum anderen aber bei den robusten Australopithecinen (Paranthropus) und Australopithecus africanus zu finden sind, welche als „fortschrittlich“ eingeschätzt werden.

Mit diesem ausgeprägten, für eine lineare Abfolge widersprüchlichen Merkmalsmosaik und der Tatsache, dass Australopithecus anamensis und Australopithecus afarensis in Äthiopien wenigstens 100.000 Isotopenjahre (MRD-VP-1/1 und als Vertreter von A. afarensis BEL-VP-1/1) gleichzeitig lebten, muss nach Haile-Selassie et al. (2019) die bisherige Vorstellung einer linearen graduellen Evolution von Australopithecus anamensis zu Australopithecus afarensis fallen gelassen werden. In welcher Verwandtschaftsbeziehung standen aber Australopithecus anamensis und Australopithecus afarensis?

Haile-Selassie et al. (2019) verbleiben bei der Beantwortung dieser Frage im Vagen. Sie schreiben lediglich, dass Australopithecus afarensis nicht aus einer einzigen Ahnenpopulation („single ancestral population“) evolviert sei, und meinen damit wohl, dass Australopithecus afarensis nicht auf eine einzige Vorläuferart zurückgeht. Wie sie sich das genauer vorstellen, bleibt völlig unklar (Hybridisierung?). Eine alternative und wesentlich überzeugendere Deutung des ausgeprägten Merkmalsmosaiks von Australopithecus anamensis ergibt sich im Rahmen des Grundtypkonzepts der Schöpfungslehre.

Im Grundtypmodell entfällt der Zwang, die Australopithecus-Spezies in einem Stammbaum auf einer Stufenleiter mit unterschiedlichen phylogenetischen Niveaus von „primitiv“ zu „fortschrittlich“ hin anzuordnen. Stattdessen gehören alle Australopithecus-Arten zu einem Grundtyp, d. h. sie sind bei gleicher Entwicklungshöhe miteinander verwandt und ihre unterschiedlichen Merkmalsausprägungen entstammen einem gemeinsamen Pool angelegter Möglichkeiten, die in unterschiedlichsten Weisen kombiniert werden können. Danach sind Australopithecus anamensis und Australopithecus afarensis keine unterschiedlich hoch entwickelten Arten gewesen und das Merkmalsmosaik von Australopithecus anamensis ist ein gut erklärbarer Befund.

Anmerkung

1 Hominine: Menschenähnliche – alle fossilen und lebenden Menschenformen einschließlich ihrer im Evolutionsmodell vermuteten Vorläufer.

Literatur

Haile-Selassie Y, Melillo SM et al. (2019)

A 3.8-million-year-old hominin cranium from Woranso-Mille, Ethiopia. Nature 573, 214–219.

Meyer MR & SA Williams (2019)

Earliest axial fossils from the genus Australopithecus. J. Hum. Evol.132, 189–214.

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