Der Belwal, ein Mischling aus Beluga und Narwal

Abb. 1: Narwale (Monodon monoceros), die „schwimmenden Einhörner“ in ihrem Lebensraum – arktischen Gewässern. (© Glenn Williams; mit freundlicher Genehmigung von M. Nweeia.)
Im Jahr 1990 wurde in Westgrönland ein ungewöhnlich aussehender Schädel eines Gründelwals (Familie Monodontidae) gefunden und an die Universität Kopenhagen (Dänemark) geschickt, wo er mehrere Jahrzehnte lang aufbewahrt wurde. Aufgrund seines intermediären Schädelbaus wurde angenommen, dass es sich um einen Mischling aus Beluga und Narwal handelt. Erst letztes Jahr wurde der Walschädel genauer untersucht. Die 2019 veröffentlichten DNA-Analysen zeigen, dass es sich um einen männlichen Hybriden der ersten Generation zwischen einem weiblichen Narwal und einem männlichen Beluga handelt (Skovrind et al. 2019). Der Walmischling ist zu 54 Prozent ein Beluga und zu 46 Prozent ein Narwal. Es ist das erste Mal, dass Forscher einen Mischling aus diesen beiden Arten identifiziert haben. Nach der Konvention ist der Name, den solche Hybriden erhalten, eine Kombination der ersten Silbe der väterlichen Linie und derjenigen der mütterlichen Linie, wobei die Silbe der väterlichen Art zuerst kommt. Wir haben es also mit einem Belwal zu tun, nicht mit einer Narluga.
Der markante weiße Beluga (Delphinapterus leucas) und der dunkel gefleckte graue Narwal (Monodon monoceros) sind die einzigen lebenden Angehörigen der Monodontidae (Gründelwale). Obwohl sie mit 4-5 Metern Länge ähnlich groß sind und im gleichen Gebiet leben, sind sie verschieden genug, um in zwei unterschiedliche Gattungen eingeteilt zu werden. Insbesondere ihre Ober- und Unterkiefer sowie ihre Zähne sind sehr unterschiedlich.
Belugas können bis zu 40 Zähne haben, während in Narwalen – abgesehen vom ungewöhnlichen linken oberen Stoßzahn (Abb. 1) – keine Zähne gefunden werden. Der Stoßzahn, der überwiegend, aber nicht ausschließlich, bei Männchen vorkommt, ist spiralförmig gewunden und kann bis zu 2,5 Meter lang werden. In seltenen Fällen findet man einen zweiten kürzeren rechten Stoßzahn. Interessanterweise hatte der Hybrid ungewöhnliche Zähne, die horizontal nach außen ragten und eine ähnliche Spiralform hatten wie der Stoßzahn des Narwals.
Die Forscher verwenden Analysen stabiler Kohlenstoff- und Stickstoffisotope, um die Nahrungsnische des Hybriden zu untersuchen. Sie fanden einen höheren δ13C-Wert als in Belugas und Narwalen, was auf eine Ernährungsstrategie hindeutet, die sich von den beiden Elternarten unterscheidet. Der Mischling besetzte offenbar eine andere Nische. Die Forscher vermuten, dass der Belwal auf dem Meeresboden nach Nahrung sucht, während Narwal und Beluga näher an der Wasseroberfläche jagen.
Beluga und Narwal sollen sich vor etwa 5 Millionen Jahren von einem gemeinsamen Vorfahren abgetrennt haben (Skovrind et al. 2019). Zudem deuteten frühere Genomanalysen darauf hin, dass der genetische Austausch zwischen den beiden Familien vor etwa 1,25 und 1,65 Millionen Jahren abgebrochen wurde. Somit entwickelten sich die beiden Familien seit mehr als einer Million Jahren unabhängig voneinander. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft stieß die Hybridisierung auf großes Erstaunen. Nach der Spezies-Definition von Ernst Mayr gehören Organismen, die sich untereinander fortpflanzen können, zur gleichen Spezies; somit müssten Beluga und Narwal zu ein und derselben Art gerechnet werdem. Die unerwartete Hybridisierung der beiden Gattungen ist ein bemerkenswerter Beleg dafür, dass die beiden Arten zum gleichen Grundtyp gehören. Es zeigt auch, dass durch die Kombination bereits vorhandener genetischer Informationen neue Varianten, Arten und sogar sehr unterschiedliche Gattungen entstehen können. Dies kann als Evolution interpretiert werden; man muss dann aber davon ausgehen, dass die deutlich unterschiedlichen Ausprägungen des Gebisses beider Arten bereits im Erbgut des Grundtyps latent vorhanden waren. Wie sich die Unterschiede zwischen den beiden Gattungen ausgeprägt haben, ist bis jetzt ungeklärt. Jedenfalls war der Hybride ein voll funktionsfähiger Organismus und sofort an eine neue ökologische Nische angepasst.
P. Borger
[Skovrind M, Castruita JAS et al. (2019) Hybridization between two high Arctic cetaceans confirmed by genomic analysis. Sci Rep. 9(1):7729, doi: 10.1038/s41598-019-44038-0 • Saey TH (2019) DNA confirms a weird Greenland whale was a narwhal-beluga hybrid. https://www.sciencenews.org/article/dna-confirms-greenland-whale-narwhal-beluga-hybrid]