Wiege der Samenpflanzen geologisch nicht überliefert?
Wie gut bildet der Fossilbericht die Geschichte der Lebewesen ab? Sind nennenswerte Lebensräume vergangener Fauna und Flora einer Konservierung als Fossilien entgangen? Waren möglicherweise zahlreiche Gruppen von Lebewesen viel weiter verbreitet, als die bekannte Fossilüberlieferung vermuten lässt? Stephan (2002) hat eine Reihe von Beispielen zusammengestellt, bei denen das angenommen werden muss. Hier soll kurz über ein weiteres aktuelles Beispiel dieser Art berichtet werden.
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Abb. 1: Fossiler Wedel eines Samenfarns. (© Palaeobotanical Research Group Münster / Blomenkemper et al.)
Eine Forschergruppe der Universität Münster hat in der Umm-Irna-Formation am jordanischen Ostufer des Toten Meeres eine große Menge verschiedenster Pflanzenfossilien des oberen Perm entdeckt (Blomenkemper et al. 2018). Die sehr gute Erhaltung ermöglichte eine recht genaue Bestimmung. Fast perfekt konservierte Blätter und Stiele, Fortpflanzungsorgane und sogar die Kutikula samt Spaltöffnungen waren in dem feinen Sedimentgestein erhalten. Neben Fossilien von Gruppen, die schon bisher aus vergleichbar alten Sedimenten bekannt waren, konnten die Forscher mehrere Vertreter von drei Pflanzengruppen nachweisen, von denen man bisher angenommen hatte, dass sie erst ab der Unter- oder Mitteltrias fossil überliefert seien: Nadelbäume der Steineibengewächse (Podocarpaceae), die auch heute vorkommen, ausgestorbene Samenfarne der Ordnung Corystospermales und Vertreter der ebenfalls ausgestorbenen Bennettitales. Ungewöhnlich ist auch, dass Vertreter bislang unterschiedlicher geografischer Regionen in den Sedimenten der Umm-Irna-Formation vergesellschaftet sind.
Alle drei genannten Gruppen sind damit im System der Historischen Geologie deutlich älter als zuvor vermutet. Die Sedimentgesteine, die die Pflanzenfossilien bergen, waren nach Auskunft der Forscher zu Lebzeiten der Pflanzen in einem küstennahen Flachland in Äquatornähe abgelagert worden, wo die Chancen der fossilen Erhaltung gering seien. Die Forscher vermuten, dass die Tropen als „evolutionäre Wiege“ für viele Pflanzengruppen gelten können, doch diese Wiege hinterlasse kaum Spuren. Möglicherweise sind also die gefundenen Fossilien nur die Spitze eines Eisbergs.
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand muss im evolutionstheoretischen Langzeitrahmen eine erhebliche zeitliche Lücke vom oberen Perm teils bis Mitteltrias zwischen dem ersten nachweisbaren Auftreten der drei genannten Gruppen und den Beginn ihrer reichhaltigen Entfaltung bzw. Ausbreitung angenommen werden. Eine solche Verzögerung ist auch bei anderen Gruppen bekannt und evolutionstheoretisch schwer verständlich, würde dagegen in einem sehr viel kürzeren Zeitrahmen passen, da erstmaliger Nachweis und Entfaltung bzw. Ausbreitung einer Gruppe nahe zusammenrücken würden.
Die neuen Funde verlängern die Liste der Formen, die an der Perm-Trias-Grenze nicht verschwanden, an der das größte Massenaussterben des Tierreichs stattgefunden haben soll. Warum diese globale Krise das Tierreich schwer und das Pflanzenreich viel weniger getroffen hat, erscheint rätselhaft – ein Beispiel dafür, dass vieles in der Geschichte des Lebens unverstanden ist und vielleicht wichtige Schlüssel zum Verständnis fehlen.
R. Junker
[Blomenkemper P, Kerp H, Hamad AA, DiMichele WA & Bomfleur B (2018) A hidden cradle of plant evolution in Permian tropical lowlands. Science 362, 1414–1416 • Stephan M (2002) Der Mensch und die geologische Zeittafel. Holzgerlingen]