Ein Fischschwarm im Eozän?
Die geregelte Ansammlung einer größeren Gruppe gleichartiger, kleiner Fische lässt auf eine Konservierung eines koordinierten Fischschwarms schließen. Das ist das Ergebnis der Studie von Mizumoto et al. (2019) an einer Kalksteinplatte mit 259 Exemplaren des ausgestorbenen Fisches Erismatopterus levatus (Abb. 1).

Abb. 1: Kalksteinplatte mit 259 Exemplaren des ausgestorbenen Fisches Erismatopterus levatus. Die Platte stammt sehr wahrscheinlich von der eozänen Green-River-Formation (Wyoming, USA). Breite etwa 22 cm. Foto/Credit: Shinya Miyata, Josai University (freundl. Zurverfügungstellung von Nobuaki Mizumoto). 
Abb. 2: „Stirnseite“ eines Fischschwarms? Ausschnitt der Abb. 1., linke Seite. Foto/Credit: Shinya Miyata, Josai University (freundl. Zurverfügungstellung von Nobuaki Mizumoto).
Die Platte ist Eigentum eines japanischen Museums und stammt sehr wahrscheinlich aus der eozänen Green-River-Formation (Wyoming oder Utah, USA); nur aus dieser Formation ist E. levatus (Ordnung der Percopsiformes, Barschlachsartige) bisher bekannt. (Das Eozän ist eine Einheit der internationalen chronostratigraphischen Tabelle: die 2. Serie/Epoche des Paläogen bzw. des Tertiär.) Die Ansammlung der jungen Exemplare (Körperlängen zwischen 11 und 24 mm) beeindruckt durch den Einklang ihrer Bewegungsrichtung und ihrer Anordnung zueinander (s. auch Abb. 2).
Zur Prüfung ihrer Annahme, dass hier ein „kollektives Verhalten“ (Schwarmverhalten) konserviert wurde, unternahmen Mizumoto et al. (2019) zahlreiche Vermessungen und Simulationen. Eine Simulation galt der Abschätzung der Position der Fische einen Moment nach dem Schnappschuss der Konservierung auf Grundlage ihrer Bewegungsrichtung. Aus diesen Ergebnissen leiteten sie mögliche Verhaltensregeln ab (nach publizierten Zonen-Modellen für Fischschwärme): 1. Abstoßung (repulsion) von nahen Individuen und 2. Anziehung (attraction) von weiter entfernten Nachbar-Individuen. Des Weiteren zeige die fossile Fischansammlung Strukturen auf Gruppenebene in Form eines länglichen Gebildes mit einer Längsausrichtung zur Bewegungsrichtung und hoher Polarisation (gleichgesinnte Orientierung) auf.
Allerdings ist fraglich, ob sich Verhaltenseigenschaften eines dreidimensionalen Fischschwarms in einer zweidimensionalen Projektion – wie es die Platte ist – haben erhalten können. Dies ist unter der Voraussetzung, dass sich der Fischschwarm quasi in zweidimensionaler Anordnung (also flach) unmittelbar über dem Grund hinwegbewegte, eher vorstellbar. Dazu bedarf es aber zusätzlich einer plötzlichen und schnellen Einbettung.
So ist die Interpretation der Fischansammlung als Fischschwarm eng mit den möglichen Umständen des Todes und der Konservierung verknüpft. Mizumoto et al. (2019) führen für eine rasche Fixierung – für das „Einfrieren des Verhaltens“ – beispielhaft den Kollaps einer Flachwasser-Sanddüne an, die eine Überdeckungsschicht in Sekunden oder Minuten hätte produzieren können. Allerdings sind die unter- und überlagernden Schichten zur Platte nicht bekannt.
Fazit: Die Fischansammlung repräsentiert sehr wahrscheinlich einen koordinierten Fischschwarm. Wenn dem so ist, wären Verhaltensweisen – wie sie heute bekannt sind – auch in der Eozän-Periode vorgekommen. Warum auch nicht?
M. Kotulla
[Mizumoto N, Miyata S & Pratt SC (2019) Inferring collective behaviour from a fossilized fish shoal. Proc. R. Soc. B 286, 20190891.http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2019.0891]