Kletternde Leuchterblume: Seltsamer Geruch führt zur Bestäubung
Leuchterblumen (Ceropegieae) verdanken ihren deutschen Namen ihrer besonderen Blütenform. Die Kelchblätter sind an der Basis verwachsen, die fünf Kronblätter sind typischerweise an ihrer Spitze ebenfalls verwachsen, wodurch manche Blüten Laternen ähnlich sehen (Abb. 1). Zumindest die Blüten einiger Ceropegia-Arten fungieren blütenökologisch als Fallen, d. h. Insekten werden angelockt und zumindest zeitweise festgehalten (s. auch Kutzelnigg 2011). Natürlicherweise sind die Leuchterblumen auf den Kanarischen Inseln, in Afrika, auf Madagaskar, auf der Arabischen Halbinsel, in Indien, China und bis zu den Philippinen, Neuguinea und Australien verbreitet, in Europa können einige gezüchtete Arten erworben werden.

Abb. 1: Kletternde Leuchterblume (Ceropegia sandersonii) (CC BY 2.5)
Heiduk et al. (2016) haben Einzelheiten des Täuschungsmanövers bei der in Südafrika heimischen kletternden Leuchterpflanze (Ceropegia sandersonii, Abb. 1) untersucht. Nach den Beobachtungen der Autoren gehören winzige Fliegen der Gattung Desmometopa (Familie Milichiidae) zu den hauptsächlichen Bestäubern von C. sandersonii. Desmometopa-Arten leben kleptoparasitisch, d. h. sie leben auf Kosten anderer Lebewesen, indem sie sich an deren Beute bedienen, um sich selbst zu ernähren (kleptein, gr. stehlen). Die Fliegen nehmen die Lymphflüssigkeit und andere Ausscheidungen z. B. von frischen Beutetieren von Spinnen auf. Diese Beutetiere verbreiten offensichtlich spezifische flüchtige Mischungen von Duftstoffen, welche die Desmometopa-Fliegen sehr effizient und rasch anlocken.
Desmometopa-Arten zeigen eine ausgesprochene Vorliebe für Honigbienen. Daher stellten Heiduk und Mitarbeiter für ihre Studie die Hypothese auf, dass die Blüte von C. sandersonii den Duftcocktail von extrem gestressten bzw. frisch getöteten Honigbienen imitieren könnte und diesen wirkungsvoll als Lockstoff für die potenziellen Bestäuber einsetzt.Zunächst entwarfen die Autoren eine spezielle Versuchsanordnung, um einzelne Honigbienen in Stress zu versetzen und die von ihnen abgegebenen flüchtigen Stoffe gaschromatographisch bestimmen zu können. Die Abgabe dieser Stoffe erfolgt durch Drüsen im Bereich des Stachelapparats, die Nasonov- und Mandibeldrüsen. Ebenso wurde die Zusammensetzung der von der C. sandersonii-Blüte freigesetzten Duftstoffe untersucht. Mit Hilfe von elektrophysiologischen Messungen an den Fliegenantennen konnten Heiduk et al. nachweisen, dass die Stoffzusammensetzungen auffällige Ähnlichkeiten zeigten und dass sich die Tiere durch beide Duftcocktails anlocken ließen. Vier Einzelkomponenten der in beiden Quellen auftretenden Stoffgemische, die jeweils in den Fliegenantennen registriert wurden, wurden nachfolgend anhand synthetischer Stoffe auf ihre Wirkung untersucht. Bei den vier Stoffen handelt es sich um Geraniol, 2-Heptanon, 2-Nonanol und (E)-2-Octen-1-yl-acetat. Eine Mischung dieser vier Stoffe war für die Fliegen hoch attraktiv.
Im Fall der Anlockung und Täuschung von Desmometopa-Fliegen durch C. sandersonii-Blüten liegt eine besonders komplexe Kommunikation durch chemische Stoffe vor: Die Blüte imitiert den Geruch sterbender Honigbienen, einer bevorzugten Nahrungsquelle der kleptoparasitischen Fliege, lockt diese dadurch an und provoziert dadurch ihre Befruchtung. Ein wirksames, aber auch aufwändiges Täuschungsmanöver, dessen Ursprung mit vielen Fragen behaftet ist.
H. Binder
[Heiduk A, Brake I, Tschirnhaus M, Göhl M, Jürgens A, Johnson SD, Meve U & Dötterl S (2016) Ceropegia sandersonii mimics attacked honeybees to attract kleptoparasitic flies for pollination. Curr. Biol. 26, 1-7. • Kutzelnigg H (2011) An der Nase herumgeführt. Stud. Integr. J. 18, 89-93.]