Erneute Bestätigung: Homo habilis war kein Mensch

Seit der Erstveröffentlichung von Fundmaterial von Homo habilis im Jahre 1964 gibt es eine kontroverse Diskussion um die Gültigkeit dieses Taxons: War habilis wirklich ein Mensch oder gehört das Fundmaterial eher zu den großaffenähnlichen Australopithecinen?

Zachwieja et al. (2016) haben einen wichtigen Beitrag zu dieser Kontroverse geleistet, indem sie das Verhältnis der Knochenstärke des Oberarmes (Humerus) zum Oberschenkel (Femur) der fossilen Homininen (= Menschen und hypothetische evolutionäre Vorläufer des Menschen) KNM-WT 15000 (Homo erectus), AL 288-1 (Australopithecus afarensis) und OH 62 (Homo habilis; Abb. 1) im Vergleich mit heute lebenden Menschen und nichtmenschlichen Primaten bestimmten. Dieses Verhältnis – der humerofemorale Index – spiegelt die Belastung der Extremitäten bei der Fortbewegung wider.

Abb. 1: Langknochen von OH 62 (Homo hablilis) im Vergleich mit entsprechenden Elementen von AL 288-1 (Australopithecus afarensis); die Knochen von OH 62 sind jeweils rechts. Balken: 4 cm. (Aus Johanson et al. 1987)

Die Untersuchung ergab einen humerofemoralen Index für KNM-WT 15000 im Bereich des modernen Menschen. Dagegen liegen AL 288-1 und OH 62 im Variationsbereich des Schimpansen. Nach diesem Ergebnis kletterten Homo habilis und Australopithecus afarensis – im Gegensatz zu Homo erectus – gewohnheitsmäßig in Bäumen. Zachwieja et al. (2016) bestätigen mit diesem Resultat das Ergebnis einer ähnlichen Untersuchung von Ruff aus dem Jahre 2009.

Mit der heute in der Paläanthropologie leider häufigen Zuordnung des habilis-Materials zum Menschen umfasst die Gattung Homo einerseits Arten wie erectus mit einem modern-menschlichen Extremitätenbelastungsmuster und andererseits habilis mit einer schimpansenähnlichen Belastung wie die Australopithecinen. Dagegen werden beispielsweise Gorilla und Schimpanse, deren Fortbewegung zwar nicht identisch (Schmitt et al. 2016), aber doch relativ ähnlich ist, da beide einen Knöchelgang praktizieren, in unterschiedliche Gattungen gestellt. Aufgrund der Australopithecus-ähnlichen Fortbewegung und vieler weiterer nichtmenschlicher Merkmale ist die Zuordnung von habilis zum Formenkreis der großaffenähnlichen Australopithecinen viel begründeter als eine Zuordnung zum Menschen.

M. Brandt

[Johanson DC, Masao FT et al. (1987) New partial skeleton of Homo habilis from Olduvai Gorge, Tanzania. Nature 327, 205-209 • Ruff C (2009) Relative limb strength and locomotion in Homo habilis. Amer. J. Phys. Anthropol. 138, 90-100 • Schmitt D, Zeininger A, Hamrick E, Snyder ML, Kivell TL & Wunderlich RE (2016) Gorilla limb kinematics and hominoid locomotor diversity: Implications for hominin locomotor evolution. Amer. J. Phys. Anthropol. 159, S62, 282 • Zachwieja AJ, Demes B, Jungers WL, Carlson KJ, Grine FE, Pearson OM, Shackelford LL & Polk JD (2016) Ratios of humeral to femoral mid-shaft cortical area reflect differences in locomotor behavior in primates, including fossil hominins. Amer. J. Phys. Anthropol. 159, S62, 342-343.]