Ausgeklügelter Bau der Fledermauszunge

Manche Fledermäuse sind Feinschmecker. Anstatt nach Beutetieren zu jagen, halten sie Ausschau nach der nächsten besonders geeigneten Blüte, um sich deren Nektar auf der Zunge zergehen zu lassen. Nektar ist ein zuckerhaltiger nahrhafter Saft, den viele Blüten als „Gegenleistung“ für die Bestäubung den Blütenbesuchern anbieten. Da sich der Nektar meist tief in den Blüten am Blütenboden oder in einem Sporn befindet, sind besondere Einrichtungen an der Zunge unumgänglich, um an den Nektar zu gelangen. Bis vor kurzem ging man davon aus, dass den Zacken an der Zungenspitze mancher Fledermäuse keine große Bedeutung zukommt. In vivo-Experimente bei der Fledermaus Glossophaga soricina (Abb. 1) präsentieren nun das verblüffende Gegenteil (Harper et al. 2013).

Abb. 1: Langzungenfledermaus (Glossophaga soricina) an einer Bananenblüte. (© fokusnatur)

Nähert sich die Fledermaus einer Blüte, wird ihre Zunge durch vermehrten Blutzufluss in der Länge ausgedehnt. Dadurch gelingt es ihr, den Nektarvorrat der Blüte bis in den hintersten Winkel auszubeuten. Die Zunge kann dabei mehr als doppelt so lang werden. Die Spitze der Zunge ist zudem mit einem ganzen Büschel feiner Borstenhärchen besetzt und ähnelt dadurch einem Mop, den man vom Wischen von Böden kennt. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Arterien und Venen im Inneren der Zunge ein sich zur Spitze hin verästelndes Netz bilden, das sich bis in die Basis der Borsten hineinzieht. Die zuführenden Arterien sind zudem von Muskelfasern umgeben und stehen in direktem Kontakt zu den Zungennerven. Diese Konstruktion ermöglicht es, dass sich durch starke Blutzufuhr die Borsten mit Blut füllen und dadurch aufrichten. Zwischen den einzelnen Borsten bleibt der Nektar aufgrund seiner Oberflächenspannung hängen. Somit kann der Säuger deutlich mehr Nektar auf einmal in den Mund befördern. Acht Mal in der Sekunde, so die Forscher von der Brown University, zieht der Säuger seine Zunge in den Gaumen zurück und fährt sie wieder heraus – ein unglaublich schneller hydraulischer Prozess. Die hohe Geschwindigkeit erlaubt es den Fledermäusen, den hohen Energieverlust mehr als auszugleichen, der für den Standflug beim Blütenbesuch erforderlich ist. Dieses ausgeklügelte System könnte nach Ansicht der Wissenschaftler auch als Vorbild für technische Anwendungen dienen.

Es ist schon seit längerer Zeit bekannt, dass Bienen mit langen Rüsseln ähnliche Strukturen an ihrer Rüsselspitze besitzen. Die Borsten richten sich gleich wie bei Glossophaga soricina während der Nektaraufnahme auf. Der Rüsselbeutler besitzt ebenfalls Borsten an der Zungenspitze. Es ist jedoch noch nicht klar, ob diese während des Fressvorgangs durch eine stärkere Durchblutung vergrößert werden. Auch Kolibris, Honigsauger und Honigfresser haben ausdehnbare Zungen mit Borstenhärchen. Hier bewirkt die röhrenförmige oder eingekerbte Struktur der Zunge einen Kapillareffekt und hilft den Nektar in den Mund zu befördern.

F. Hess

[Harper C, Swartz SM & Brainerd EL (2013) Specialized bat tongue is a hemodynamic nectar mop. Proc. Natl. Acad. Sci. 22, 8852-8857; http://www.mapoflife.org/topics/topic_404_Hummingbirds-sunbirds-and-honeyeaters/(7.11.2013)]