Lebst du noch oder wohnst du schon? – Ameisen als Immoscout
Umziehen oder bleiben? Diese Frage stellt sich uns beispielsweise, wenn sich in der momentanen Wohnung schwerwiegende Mängel auftun. Je größer der Mangel (z. B. Schimmelbildung), desto dringlicher wird unsere Suche nach einer neuen Bleibe. Dieses Verhalten erscheint uns vernünftig, wer möchte schon längere Zeit in einer ungemütlichen Wohnung leben? Können aber Tiere ebenfalls solche vernünftigen Entscheidungen treffen? Offenbar ja. Ein Team von Biologen um Nigel Franks (University of Bristol, England) testete Schmalbrustameisen, um diese Frage zu beantworten. Schmalbrustameisen eignen sich, da sie kleine bis sehr kleine Kolonien bilden und auch in der Natur häufiger umziehen müssen. Eine komplette Kolonie mit höchstens 300 Arbeiterinnen hat beispielsweise in einer hohlen Eichel oder Walnuß Platz oder lebt in Rinden- oder Steinritzen. Diese Ameisen wurden nun in künstliche Nester mit fünf verschiedenen „Attraktivitätsgraden“ gesetzt. Unattraktiv sind zu flache, helle Nester mit einem weiten Eingang. Bevorzugt sind Dunkelheit, ein schmaler Eingang und eine genügende Deckenhöhe. Mittels Beobachtung wurde ermittelt, wie viele Ameisen sich in einer gewissen Zeit vom Nest entfernen, also wie häufig ein Kundschafter-Verhalten beobachtbar ist. Dabei ergab sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Nestqualität und Suchverhalten: Wie zu erwarten suchten die Ameisen bei schlechten Nestern häufiger. Trotz eines im Grunde sehr einfachen Versuchsaufbaus konnte so zum ersten Mal gezeigt werden, dass Ameisen kollektiv auf ihre Wohnsituation reagieren und offenkundig eine Kosten/Nutzen-Abwägung durchführen. Suchen verbraucht Zeit und Ressourcen und die jetzige Behausung ist ja vorhanden. Je schlechter aber die Wohnsituation ist, umso größer die Chance, eine bessere Nistmöglichkeit zu finden, welche die bei der Suche verbrauchten Ressourcen wenigstens zum Teil oder darüber hinaus wieder aufwiegt.
Die Ameisen sind also in der Lage, ihre jeweilige Wohnsituation einzuschätzen: Sie drückt sich in der Anzahl an suchenden Tieren aus. Dieses Verhalten zeigt außerdem die bemerkenswerte Fähigkeit der Ameisen, mit vorhandenen Ressourcen auch in unserem Sinne ökonomisch (d.h. Abwägung Kosten gegen Nutzen) umzugehen. Bei diesen häufig umziehenden Ameisenarten wäre es ja auch denkbar, dass sie beispielsweise in einem festgelegten Rhythmus einfach umziehen. Das könnte aber bedeuten, dass sie eine optimale Wohnmöglichkeit „ohne Not“ verlassen. Ein solches Verhalten wäre unökonomisch und tritt offenbar hier nicht auf.
N. Winkler
[Doran C, Pearce T, Connor A, Schlegel T, Franklin E, Sendova-Franks AB & Franks NR (2013) Economic investment by ant colonies in searches for better homes. Biol Lett 9: 20130685; vgl. http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/biologie/-/journal_content/56/12054/2260536.]