Menschenaffen kaum intelligenter als „niedere“ Affen
Forschungsergebnisse zeigen immer wieder die Intelligenz von Menschenaffen. Wissenschaftlerinnen vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen konnten jetzt nachweisen, dass die weniger menschlichen Anubispaviane und Javaneraffen ähnlich gut denken können (Schmitt et al. 2012). Bisher war man davon ausgegangen, dass die Großaffen den „niederen“ Tieraffen geistig überlegen sind.
Schmitt und ihre Kolleginnen zeigten beispielsweise ihren Versuchstieren zwei Tücher, auf denen sich Bananenscheiben befanden, eines war jedoch zerschnitten. Die Tiere konnten nur an die Nahrung gelangen, wenn sie an dem intakten Tuch zogen. Diese Aufgabe hatten Menschenaffen gelöst. Aber auch die Altweltaffen bewältigten sie mit ähnlichem Ergebnis.
Außer dem Verständnis der Kausalität wurde auch die soziale Intelligenz der Tiere untersucht. Dazu nahmen die Forscherinnen beispielsweise zwei Becher, von denen einer Rosinen enthielt. Vor den Affen deuteten sie auf den Becher mit den Rosinen. Damit wollten sie prüfen, ob die Tiere den Hinweis verstehen. Die Paviane und Javaneraffen verstanden wie die Menschenaffen den Hinweis nicht. Sie entschieden sich wahllos für den einen oder anderen Becher.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Grenze, die in der Forschung oft zwischen Menschenaffen und den übrigen Arten gezogen wird, vermutlich weniger deutlich ist als angenommen. Die Größe des Gehirns ist für die Denkfähigkeit entgegen den bisherigen Erwartungen offenbar nicht so bedeutend. Stattdessen spielt die soziale und ökologische Umwelt eine größere Rolle als die phylogenetischen Verwandtschaftsverhältnisse (Diederich 2012, Schmitt et al. 2012).
Dieses Ergebnis wirft auch eine grundlegende Anfrage an das makroevolutionäre Denken auf. Denn in diesem Deutungsrahmen werden für die Beurteilung spezifischer Fähigkeiten unterschiedlicher Spezies allzu einfache Bewertungs-Schemata angewandt: Besser-schlechter, höher-niedriger oder fortschrittlicher-primitiver. In der Ursprungsforschung des Menschen praktisch angewendet werden meist Affen gegen Menschen, angenommene Vorläufer gegen hypothetische Nachfolger in ihren Fähigkeiten nach solchen Schemata eingestuft und in eine evolutionäre Stufenleiter angeordnet, anstatt die Andersartigkeit der betreffenden Formen möglichst umfänglich sachlich zu beschreiben (Hartwig-Scherer 1999).
M. Brandt
[Diederich S (2012) Überraschend clevere Paviane. Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung. 26.03.2012; http://idw-online.de/pages/de/news?print=1&id=469292 (Zugriff am 7.12.2012); Hartwig-Scherer S (1999) Bemerkenswert alte und komplexe Steinwerkzeuge aus Äthiopien. Stud. Int. J. 6, 82-84; Schmitt V, Pankau B & Fischer J (2012) Old world monkeys compare to apes in the primate cognition test battery. PLoS ONE 7(4): e32024. doi:10.1371/journal.pone.0032024.]