Vernanimalcula – „Gnadentod“ für das älteste „Zweiseitentier“

Abb. 1: Vernanimalcula – das „Frühlingstierchen. (Aus Chen et al. 2004, Copyright 2004 by AAAS; Abdruck mit freundlicher Genehmigung) 
Abb. 2: Mutmaßliche Rekonstruktion von Vernanimalcula. Künstlerische Gestaltung: Amadeo Bachar (www.abachar.com).
Vor einigen Jahren wurde von Funden einfachster zweiseitig organisierter Vielzeller (Bilateria) berichtet, die als mögliche älteste fossil dokumentierte Vorläufer der ab dem Kambrium explosionsartig fossil auftretenden Tierstämme diskutiert wurden (Abb. 1). Die Fundschicht der Doushantuo-Formation im Südwesten Chinas wird ca. 50 Millionen Jahre vor den Beginn des Kambriums datiert. Es würde sich damit um die ersten Bilateria handeln, die deutlich unterhalb der Kambrium-Grenze gefunden wurden (Chen et al. 2004, 218) und die Funde würden damit in Frage stellen, ob es wirklich eine explosive Entstehung der Tierstämme zu Beginn des Kambriums gab (vgl. Bottjer 2005; Junker 2005).
Die Fossilien sind mit ca. 0,2 mm Länge ausgesprochen klein. Dennoch wurden verschiedene Strukturen als Mund, Rachen, Verdauungstrakt, Anus und paarweise Hohlräume entlang des Verdauungstraktes gedeutet und sogar paarig an der Außenhaut vorkommende Beulen als mögliche Positionen von Sinnesorganen angesehen. Es wurde sogar eine dreidimensionale Rekonstruktion veröffentlicht (Abb. 2). Die Forscher nannten diesen frühen Vielzeller Vernanimalcula, was soviel bedeutet wie „kleines Frühlingstierchen“ – in Anspielung auf ihr Auftreten nach der globalen „Snowball Earth“-Vereisung im jüngsten Präkambrium (vgl. Stephan 2004). Die organismische Natur der Fossilien war allerdings nicht unbestritten. Es könnte sich um dünne Mineralkrusten handeln, die sich rund um die Hüllen toter, einfach aufgebauter Organismen gebildet hätten, so Stefan Bengtson, zumal solche „Mini-Särge“ in den untersuchten Gesteinen im Südwesten Chinas keine Seltenheit seien (Stokstad 2004).
Die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Untersuchung haben die Kritik vollauf bestätigt (Bengtson et al. 2012). Die Autoren stellen nicht nur in Frage, dass Vernanimalcula ein Vorfahre der Bilaterier war, sie halten die Fossilien nicht einmal für Reste von Lebewesen, sondern für mineralische Strukturen, die nichts mit Lebewesen zu tun haben – daher die Überschrift ihrer Arbeit: „Ein Gnadentod … für Vernanimalcula“ (Bengtson et al. 2012). Die erkennbare Schichtung sei charakteristisch für Abfolgen diagenetischer Mineralisation, die zu Ausfüllungen von Hohlräumen führe, schreiben die Autoren. (Als Diagenese bezeichnet man den Prozess der Gesteinsverfestigung.) Die Autoren der Erstveröffentlichung hätten die Anzeichen einer Diagenese ignoriert. Die Schlussfolgerung, dass es sich um einfach gebaute Tiere gehandelt habe, sei durch die Befunde von vornherein nicht gedeckt gewesen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass es sich um tierische Überreste handle. Damit erübrigen sich alle evolutionstheoretischen Schlussfolgerungen, die unter Bezugnahme auf Vernanimalcula getroffen wurden.
Bengtson gehen mit ihrer Kritik noch weiter und unterstellen Chen und Kollegen eine Voreingenommenheit bei der Interpretation der Befunde. Sie hätten das gefunden, von dessen Existenz sie von vornherein überzeugt waren: „If you know from the beginning not only what you are looking for, but what you are going to find, you will find it, whether or not it exists“ (Bengtson 2012, 426). Sie schließen ihren Artikel mit der Hoffnung, dass Vernanimalcula nun in Frieden ruhen könne, befreit von der schweren Last einer unangemessenen evolutionären Bedeutung. Damit ist auch klar: Die Hoffnung, dass Vernanimalcula die kambrische Explosion des Lebens entschärfen könne, muss aufgegeben werden.
R. Junker
[Bengtson S, Cunningham JA, Yin C & Donoghue PCJ (2012) A merciful death for the 'earliest bilaterian', Vernanimalcula. Evol. Dev. 14, 421-427; Bottjer DJ (2005) The early evolution of animals. Sci. Am. 293, 42-47; Chen JY, Bottjer DJ, Oliveri P, Dornbos SQ, Gao F, Ruffins S, Chi H, Li CW & Davidson EH (2004) Small Bilaterian Fossils from 40 to 55 Million Years Before the Cambrian. Science 305, 218-222; Junker R (2005) Die kambrische Explosion des Lebens – entschärft? Stud. Int. J. 12, 38-39; Stephan M (2004) Eine katastrophische Hypothese: Die „Schneeball-Vereisung“ der Erde. Stud. Int. J. 11, 93-97; Stokstad E (2004) Controversial fossils could shed light on early animals‘ blueprint. Science 304, 1425.]