Vielfalt trotz unverändertem Lebensraum?

Wie ist die Vielfalt der frühen Homininen zu erklären, wenn sich ihr Lebensraum in Ostafrika über Jahrmillionen kaum verändert hat?

Bei den meisten Diskussionen um den Ursprung des Menschen spielt die Savannenhypothese eine grundlegende Rolle. Ganz allgemein steht dahinter die Vorstellung, dass sich in Afrika der Lebensraum der frühen Homininen („Vormenschen“ und echte frühe Menschen) vom Wald im Miozän vor 23 bis 5 Millionen Jahren in eine Savanne im Plio-Pleistozän (letzte 5 Millionen Jahre) verändert hat. Die Savanne ist eine Landschaft der Tropen, die durch ihren offenen Bewuchs (Graslandschaft) mit in relativ regelmäßigen Abständen stehenden Bäumen charakterisiert ist. Im Plio-Pleistozän entstanden nach der Evolutionshypothese aufgrund der Änderungen der Lebensräume der zweibeinige Gang, die Gehirnvergrößerung und andere Merkmale des Menschen.

Aber dieses Bild hat in den letzten Jahren Risse bekommen und scheint nun sogar widerlegt zu sein. So zeigen sich Hinweise darauf, dass im Miozän Afrikas echte Wüsten wie die Sahara existiert haben und dass Afrika im Plio-Pleistozän stärker bewaldet war (Feibel 2011). Forscher um Thure Cerling von der Universität Utah in Salt Lake City haben dieses Bild weiter zerstört. Damit treten grundsätzliche Fragen zur Evolution des Menschen auf.

Die Forschergruppe untersuchte 1300 Proben fossiler Böden von homininen Fundplätzen Ostafrikas des Awash- und Omo-Turkana-Beckens oder von nahe gelegenen Gebieten (Abb. 1). Dabei dienten Kohlenstoffisotope als Anhaltspunkte für den einstigen Bewuchs.

Abb. 1: Cerling et al. (2011) sammelten zahlreiche Bodenproben vom Awash- (links) und von Omo-Turkana-Becken (rechts) aus dem östlichen Afrika, um den Lebensraum der frühen Homininen zu erforschen. Aus Feibel (2011), Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Die Auswertung ergab, dass während der letzten sechs Millionen Jahre die untersuchten Gebiete die meiste Zeit von weniger als 40% Baumbedeckung geprägt waren. Weniger als 1% der fossilen Proben ließ auf eine Landschaft schließen, die zu 70% mit Bäumen bedeckt war. Geschlossener Wald (über 80%) herrschte nur auf einem ganz kleinen Gebiet vor. Dem relativ offenen Habitat vom Späten Miozän (6 Mill. Jahre) bis Frühen Pliozän folgte im Mittleren Pliozän eine mehr bewaldete Landschaft mit 40-60% Baumbedeckung. Vom Mittleren Pliozän bis zum Pleistozän (3,6 bis 1,4 Mill. Jahre) entwickelte sich wieder eine offene Landschaft, die während des Pleistozäns (1,8 bis 0,01 Mill. Jahre) am stärksten ausgebildet war. Die Daten zeigen also, dass an den Fundplätzen der frühen Homininen des Awash- und Omo-Turkana-Beckens in Ostafrika in den letzten sechs Millionen Jahren vorwiegend offene Savanne herrschte (Cerling et al. 2011). Diese Ergebnisse werfen neue Fragen zum Ursprung der frühen Homininen („Vormenschen“) auf.

Im Evolutionsmodell wird angenommen, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in einem mit Wald bedeckten Gebiet lebte. Nach der Aufspaltung vor 5 bis 8 Millionen Jahren in eine Linie, die zum Menschen führt, und eine zweite Linie, die zum Schimpansen führt, nahm die Bewaldung ab (Cerling et al. 2011).

Die Rolle des Savannenökosystems auf die Evolution der frühen Homininen wird zwar kontrovers diskutiert, aber dass das Savannenökosystem einen Einfluss auf Merkmale der frühen Homininen wie Fortbewegung (Zweibeinigkeit) und Ernährung hatte, darüber besteht weitestgehend Konsens. Die Rolle der Savanne („Savannenhypothese“ seit 1925) in der menschlichen Evolution wird bis heute in dem Bemühen diskutiert, die Fossilfolge der Homininen in Beziehung zur Umwelt zu interpretieren (Cerling 2011).

Die Untersuchung von Cerling et al. (2001) hat nun aber gezeigt, dass der Lebensraum der frühen Homininen überwiegend wenig bewaldet war. Aber auch die Variation der Habitate im zeitlichen Verlauf war unerwartet: Während der sehr frühe Hominine Ardipithecus ramidus mit deutlichen Kletteranpassungen in einem offenen Habitat existierte, lebten die frühen Australopithecinen (Au. afarensis), denen eine viel effizientere zweibeinige Fortbewegung als Ardipithecus ramidus zugeschrieben wird, in einer waldreicheren Gegend. Dieses Ergebnis hat die Beziehung zwischen der vermuteten Evolution der Fortbewegung der frühen Homininen und ihrem Lebensraum – zumindest in Ostafrika – entkoppelt.

Damit ist im Evolutionsmodell die Frage nach den Selektionsdrücken, die zur Entstehung des gewohnheitsmäßig schreitenden zweibeinigen Ganges des Menschen von miozänen Menschenaffen über teils zweibeinig sich fortbewegende „Vormenschen“-Formen geführt haben soll, völlig ungeklärt.

M. Brandt

[Cerling TE, Wynn JG, Andanje SA, Bird MI, Kimutai Korir D, Levin NE, Mace W, Macharia AN, Quade J & Remien CR (2011) Woody cover and hominin environments in the past 6 million years. Nature 476, 51-56; Feibel CS (2011) Shades of the savannah. Nature 476, 39-40.]