Erneut komplexe Augen im Kambrium

Abb. 1: Rekonstruktion vom 50-100 cm großen Anomalocaris. (© Katrina Kenny/University of Adelaide, Abdruck mit freundlicher Genehmigung)
In der letzten Ausgabe von Studium Integrale Journal (Jg. 18, S. 113f.) wurde über Fossilien „moderner“ Augen im frühen Kambrium berichtet. Der Fund vom 7-9 mm großen Komplexaugen demonstriert, dass Augen im Fossilbericht nicht primitiv beginnen, sondern in komplexer Form, vergleichbar den Komplexaugen heutiger Gliederfüßer (Lee et al. 2011). Wenige Monate nach diesem Fund wurden weitere Augenfossilien in denselben Schichten (Schieferformationen der südaustralischen Emu-Bucht) entdeckt, die es mit den leistungsfähigsten Facettenaugen heutiger Gliederfüßer aufnehmen können. Es handelt sich um zwei 2-3 cm große Facettenaugen ein und desselben Individuums. Sie werden der Gattung Anomalocaris, einem formidablen Räuber, zugeordnet (Abb. 1). Aufgrund der Größe der Augen kommt keine andere Gattung aus dieser Formation dafür in Frage (Paterson et al. 2011).
Die Augen sind aus 16.700 sechseckigen Linsen zusammengesetzt und gehören damit zu den größten und bestauflösenden bekannten Facettenaugen. Übertroffen werden sie diesbezüglich nur von den Komplexaugen einiger räuberisch lebender Libellen mit bis zu 28.000 Einzelaugen. Die Augen von Anomalocaris waren gestielt und ermöglichten daher nahezu eine Rundsicht. Paterson et al. (2011) schließen aus der Größe der Augen, dass auch das Gehirn hochentwickelt gewesen sein muss. Insgesamt war der Körperbau von Anomalocaris wie der Bauplan vieler anderer kambrischer Fomen nicht einfacher als der heutiger vergleichbarer Tiergruppen.
Die Forscher sind der Meinung, dass durch den nun nachgewiesenen Besitz von Facettenaugen die Gattung Anomalocaris zu den Gliederfüßern in eine Seitenlinie zu Insekten und Krebsen zu stellen sei. Bisher waren Augen von Anomalocaris nur in Form von Umrissen bekannt und die systematische Stellung dieser Gattung unklar. Die neuen Funde erweitern das Spektrum von Augentypen im Kambrium, von schwach auflösenden Augen eodiscoider Trilobiten (dreilappig gebaute krebsartige Tiere) bis zu den hochauflösen Augen von Anomalocaris. Es bleibt dabei: Die Fossilüberlieferung von Augen beginnt mit komplexen Formen.
R. Junker
[Lee MSY, Jago JB, García-Bellido DC, Edgecombe GD, Gehling JG & Paterson JR (2011) Modern optics in exceptionally preserved eyes of Early Cambrian arthropods from Australia. Nature 474, 631-634; Paterson RJ, García-Bellido DC, Lee MSY, Brock GA, Jago JB & Edgecombe GD (2011) Acute vision in the giant Cambrian predator Anomalocaris and the origin of compound eyes. Nature 480, 237-240.]