Älteste Garnele ist „modern“

Abb. 1: Fossil der neu entdeckten Garnelen-Art Aciculopoda mapesi n. sp. (Aus Feldmann & Schweitzer 2010, Abdruck mit freundlicher Genehmigung)
Über einen hervorragend erhaltenen Fund einer fossilen Garnele berichten Wissenschaftler von der Kent State University von Ohio. Das acht Zentimeter große Tier, das nach seinem Entdecker Royal Mapes Aciculopoda mapesi benannt wurde, zeigt sogar Details der Muskulatur im Hinterleib. Eine (mineralische) Erhaltung von Muskeln kommt nur sehr selten vor und wird auf Phosphatisierung zurückgeführt. Das Muskelgewebe blieb vermutlich durch eine Kombination aus säurehaltigem Wasser und Sauerstoffmangel so lange erhalten, bis es phosphatisiert war. Die Einbettung muss maximal binnen Wochen, also ziemlich schnell, erfolgt sein. Sogar einzelne Muskelstränge sind erkennbar. Das Fossil weist große Ähnlichkeiten mit heutigen Garnelen auf, auch wenn es in eine neue Familie (Aciculopodidae) der Zehnfußkrebse (Dekapoda) gestellt wurde (Feldmann & Schweitzer 2010). Es besitzt die charakteristische Körperform der Überordnung Eucarida, die zu den Höheren Krebsen (Malacostraca) gehört. Garnelen haben sich also seit Beginn ihrer Fossildokumentation kaum verändert; auch der neue Fund zeigt den typischen langgestreckten, etwa zylindrischen und seitlich leicht zusammengedrückten Körper.
Besonders überraschend aber ist das geologische Alter des Fundes. Das Fossil wurde im oberdevonischen Woodford-Schiefer bei Ada, Oklahoma, entdeckt, der auf etwa 360 Millionen Jahre datiert wird. Zuvor galt eine 245 Millionen Jahre alte Garnele aus Madagaskar als ältestes Fossil dieser Gruppe. Die Ur-Garnele aus Oklahoma ist also mehr als 100 Millionen Jahre älter und gehört zu den beiden ältesten Dekapoden-Fossilien. Das ist erstaunlich, denn damit muss angenommen werden, dass Garnelen über einen riesigen Zeitraum in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen existiert haben. Grund für das Fehlen weiterer Fossilbelege könnte der Lebensraum des Tieres in der Tiefsee sein.
In Pressemeldungen wird kommentiert, dass die versteinerte Garnele einen wichtigen Schritt bei der Erforschung der Entwicklung der Zehnfußkrebse darstelle. Doch der neue Fund dokumentiert gerade nicht, wie der Garnelen-Bauplan entstanden sein könnte, sondern weitet den Bereich der Fossilüberlieferung aus und ist ein Beleg für „Stasis“, das Stehenbleiben auf einer bestimmten Organisationsstufe. Fragen zur Evolution werden damit gerade nicht geklärt, es werden nur neue Rahmenbedingungen für die Suche nach möglichen Vorfahrenstadien gesetzt.
R. Junker
[Feldmann RM & Schweitzer CE (2010) The Oldest Shrimp (Devonian: Famennian) and Remarkable Preservation of Soft Tissue. J. Crust. Biol. 30, 629-635.]