Parasitierende Insektenlarve auf Spinne in Baltischem Bernstein

Ein zweiter und dritter Blick auf einen Untersuchungsgegenstand ist oft lohnend! Ein baltischer Bernstein (ca. 37 x 16 x 6 mm; Eozän; Alter: ca. 40 Millionen radiometrische Jahre), in dem eine Insektenlarve an einer Spinne sitzend eingeschlossen ist, wurde erstmals von Janzen (2002) abgebildet und als Käferlarve auf einer nicht identifizierten Spinne beschrieben. Wunderlich (2004) schreibt zu der Abbildung: „Eine unbestimmte Käfer-Larve 1 mm, greift möglicherweise eine unbestimmte Jungspinne an oder sie parasitiert sie; Körper-Länge 2,1 mm. Baltischer Bernstein, Slg. J. Janzen. Es könnte sich allerdings auch um Phoresie handeln.“ (Phoresie [gr.: pherein = tragen] ist eine vorübergehende Transportgemeinschaft.)

Bei der Spinne handelt es sich nach J. Wunderlichs jüngster Bestimmung möglicherweise um eine Jugendform, d. h. noch nicht geschlechtsreife, weibliche Angehörige der Sackspinnen (Clubionidae). Eine genauere Bestimmung ist aufgrund unzugänglicher Merkmale (Geschlechtsöffnung, Epigyne) nicht möglich.

Michael Ohl, ein Insektenspezialist und Kurator am Museum für Naturkunde in Berlin, hat jetzt die auf der Spinne aufsitzende Insektenlarve genauer charakterisiert und als erstes Larvenstadium eines Vertreters von Fanghaften (Mantispidae) identifiziert. Die Fanghaften gehören zur Ordnung der Netzflügler (Neuroptera) und die erwachsenen Tiere sehen – wie die lateinische Bezeichnung erahnen lässt – den Fangschrecken oder Gottesanbeterinnen (Mantodea) auffallend ähnlich. Wie bei Mantodea ist das erste Brustsegment verlängert und daran sitzen die charakteristischen Fangbeine, deren Ober- und Unterschenkel mit Dornen bewehrt sind.

Von den Larven der Fanghafte (Mantispidae) ist bekannt, dass sie sich ausschließlich in den Eiablagen von Spinnen entwickeln, wo sie sich von den Eiern ernähren. Im ersten Larvenstadium sind die Insekten ausgesprochen mobil und bewegen sich schnell über den Untergrund auf der Suche nach Spinnen-Eigelegen. Entweder suchen die Larven direkt nach den Eiablagen oder sie besteigen eine Spinne und verbleiben dort, bis es zur Eiablage kommt. Während des Aufenthalts auf der Spinne ernähren sich die Fanghaftlarven von der Hämolymphe (Körperflüssigkeit, die die Funktion des Blutes übernimmt) und zeigen sich sehr anpassungsfähig, d. h. sie haben ein umfangreiches Verhaltensrepertoire je nach Lebensweise des von ihnen gewählten Zwischenwirts. In späteren Stadien erscheinen die Larven eher wie Maden, die sich, wenn der Nahrungsvorrat an Spinneneiern aufgebraucht ist, nach dem 3. Larvenstadium verpuppen.

Im Fossilbefund sind bisher kaum mehr als 10 Mantispidae beschrieben (früher Jura bis Miozän), davon nur 4 als Bernsteininklusen. Aufgrund molekularbiologischer Analysen wird vermutet, dass die Insektengruppe, der die Fanghafte zugeordnet werden, bereits in der frühen Trias entstanden ist. Bisher sind keine Fanghafte in Baltischem Bernstein beschrieben worden. Die von Ohl beschriebene Larve stellt also den ersten Vertreter dieser Insektenfamilie dar.

Der Autor vermutet aufgrund dieses Fundes, dass die komplexen Entwicklungsstadien der Fanghaftlarven auf Spinnen bzw. deren Eigelegen bereits in den ursprünglichen Formen der Mantispinae vorhanden war. Ob alle bis heute beobachteten und beschriebenen Verhaltensweisen bereits so alt sind, kann aufgrund dieses Fundes aber nicht geklärt werden.

Interessanterweise betont Ohl gleich eingangs in seinem Beitrag, dass die auffallende Ähnlichkeit von Mantispidae und Mantodea ein exzellentes Beispiel für Konvergenz darstellt. Die auffälligen und typischen Fangbeine sollen aufgrund morphologischer und molekularer cladistischer Analysen innerhalb der Netzflügler (Neuroptera) mindestens zweimal unabhängig voneinander entstanden sein. Damit liegt hier ein auffälliges Beispiel für Konvergenz vor, das sich gegen evolutionäre Erklärungen sperrt. Dass sich diese typischen Fangbeine mehrfach bei den Netzflüglern und dann auch noch bei den Fangschrecken entwickeln, sollte nicht nur festgestellt werden, sondern auch als Herausforderung für evolutionäre Erklärungen wahrgenommen werden.

All dies zeigt, wie auch Ohl in seiner Arbeit betont, wie wenig die Geschichte und die Verwandtschaftsbeziehungen bei den Mantispidae bisher verstanden sind. Man darf mit ihm zusammen darauf gespannt sein, was zukünftige – in Arbeit befindliche – Studien an neuen Erkenntnissen liefern werden.

H. Binder

[Janzen J-W (2002) Arthropods in Baltic amber. Ampyx Verlag, Halle; Ohl M (2011) Abroad a spider – a complex developement strategy fossilized in amber. Naturwissenschaften DOI 10.1007/s00114-011-0783-2; Wunderlich J (2004) Fossil spiders in amber and copal. Beitr. Araneol. 3A, 559 Abb. 605.]