Orchidee trickst Bestäuber aus – Fall 2: Imitation der Alarmstoffe von Blattläusen

Abb. 1: Blüte der Orchidee Epipactis veratrifolia. Die Schwebfliege (hier Ischiodon aegyptus) hat sich durch Duftstoffe anlocken lassen, die ihr vorgaukelten, in der Nähe gäbe es Blattläuse als ideale Nahrung für ihre schlüpfenden Larven. Entsprechend legt sie ihre Eier in der Blüte ab und bestäubt diese dabei. Foto: J. Stökl, MPI für chemische Ökologie, Jena, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.
Ganz anders gelagert als im vorstehend geschilderten Fall der Frauenschuh-Art Cypripedium fargesii, aber ebenso eindrucksvoll ist die Situation bei einer weiteren Orchidee, der Stendelwurz-Art Epipactis veratrifolia (= Germerblättrige Stendelwurz). Bei dieser in Vorderasien heimischen, bis ca. 1,50 m hohen Art werden die Bestäuber – es sind hier verschiedene Schwebfliegen-Arten (Familie Syrphidae) – in wieder völlig anderer Weise angelockt (Stökl et al. 2011). Die hier zahlreich vorhandenen Blüten (Abb. 1) täuschen nämlich durch warzenartige Strukturen, vor allem aber durch die Abgabe flüchtiger chemischer Verbindungen einen Blattlausbefall vor. Das abgegebene Duftstoffgemisch mit α- und β-Pinen, β-Myrcen und α-Phellandren als Hauptkomponenten entspricht nämlich sehr genau den Alarmstoffen (Alarm-Pheromonen) verschiedener Blattläuse. Die Schwebfliegen (darunter die auch bei uns häufige Hain-Schwebfliege Episyrphus balteatus) werden von diesem Geruch stark angezogen, weil die Weibchen ihre Eier bevorzugt in die Nähe von Blattlaus-Ansammlungen legen. Denn die schlüpfenden Larven ernähren sich räuberisch von Blattläusen. Im Zuge der Eiablage bekommen die Schwebfliegen-Weibchen nach der für Orchideen typischen Art die Pollenpakete (Pollinien) angeheftet, was dann bei einem weiteren Blütenbesuch zur Bestäubung führt. Auch Männchen halten sich zwecks Begattung in der Nähe der Blüten auf und beteiligen sich gelegentlich an der Bestäubung. Die Schwebfliegen erhalten in den Blüten zwar eine kleine Portion Nektar. Dennoch handelt es sich insgesamt um eine Täuschung, weil zum einen durch die Abgabe der Alarmstoffe falsche Tatsachen vorgespiegelt werden, und zum anderen weil keine Blattläuse vorhanden sind und somit die aus den Eiern schlüpfenden Larven dem Tode geweiht sind.
Man vermutet, dass etwa 10% aller Orchideen-Arten durch Vortäuschung eines Eiablageplatzes ihre Bestäuber täuschen. Die Situation bei Epipactis veratrifolia ist dabei der erste beschriebene Fall einer Anlockung durch Imitation der Alarmstoffe von Blattläusen.
In der etwa 30-60 Arten umfassenden Gattung Epipactis gibt es eine große Vielfalt an Bestäubungssystemen, z. B. durch Wespen oder Hummeln. Blütendüfte wurden chemisch bisher nur bei solchen Arten untersucht, die vor allem durch Wespen bestäubt werden. Sie unterscheiden sich grundlegend von den Duftstoffen von E. veratrifolia.
H. Kutzelnigg
[Stökl J, Brodmann J, Dafni A, Ayasse M & Hansson BS (2011) Smells like aphids: orchid flowers mimic aphid alarm pheromones to attract hoverflies for pollination. Proc. R. Soc. B 279, 1216-1222.]