Konnte Archaeopteryx doch nicht aktiv fliegen?

Abb. 1: Rekonstruktion von Archaeopteryx. (Nach Portmann 1976)
Die Flugfähigkeit des berühmten „Urvogels“ Archaeopteryx wurde immer wieder kontrovers diskutiert. Seine modern anmutenden Federn schienen aber deutlich dafür zu sprechen, dass die Flügel gewissen aerodynamische Belastungen – als Voraussetzung für die Fähigkeit zum aktiven Flug – standhalten können. Eine Analyse der Federschäfte der Handschwingen von Archaeopteryx (Nudds & Dyke 2010) brachte nun ein etwas anderes Ergebnis: Verglichen mit heute lebenden Vogelarten waren die Schäfte deutlich zu schwach für einen kontinuierlichen Ruderflug. Auch unter der Annahme, dass die Schäfte nicht wie bei heutigen Vögeln hohl waren, sondern massiv (was an den Fossilien nicht erkennbar ist), würde ihre Dicke nicht ausreichen, um den Belastungen beim Flug (Widerstand beim Verbiegen) standhalten zu können oder den Vogel aufgrund seiner geschätzten Körpermasse überhaupt in der Luft halten zu können. Beide Schlussfolgerungen gelten auch für die Federschäfte des fossilen Confuciusornis aus der frühen Unterkreide, die ebenfalls untersucht wurden.
Die Länge der Handfedern von Archaeopteryx und Confuciusornis entspricht dagegen der Größe bei vergleichbar großen heute lebenden Vögeln. Die Forscher schließen daraus, dass die untersuchten fossilen Vögel nur kurze Strecken gleiten, aber nicht aktiv fliegen konnten. Sonderbar ist aber, dass der Bau der Flügel im Ganzen nicht zum längeren Gleiten passt (Nudds & Dyke 2010, 889), obwohl weitere anatomische Befunde (z. B. Anatomie des Schultergürtels, Federinnervation) bei Archaeopteryx dafür sprechen. Rätselhaft ist zudem, dass der deutlich jüngere und in vielen Eigenschaften als moderner geltende Confuciusornis hinsichtlich seiner Flugfähigkeit als noch schwächer einzustufen ist als der ältere Archaeopteryx. Wie aber passt ein an sich flugtaugliches Federkleid zu einer Fortbewegung als Gleiter? Offenbar genügten die Federn und weitere anatomische Anpassungen jedoch der Erzeugung von kurzzeitiger Schubkraft bzw. Gleitfähigkeit. Über die von den Autoren geäußerten Erklärungsversuche hinaus käme dies z. B. einem durch Flattern unterstützten Herumhüpfen (vergleichbar den relativ ungerichteten Flugbewegungen von Jungvögeln moderner Arten) oder einem kurzzeitigen Gleiten mit nach hinten gerichteten Flügeln (etwa dem Stoßflug heutiger Vögel mit fast parallel zum Körper angelegten Flügeln) zugute. Eine solche Fähigkeit könnte in Gefahrensituationen durchaus nützlich gewesen sein, um etwa einem unmittelbaren Feindangriff zu entgehen. Selbstverständlich fehlen in diesem Kontext wichtige Informationen zur Lebensweise und Ökologie zu einem besseren Verständnis. Einstweilen können die beiden Gattungen überzeugender als bisher als Übergangsformen auf dem Weg zum aktiven Flug interpretiert werden, wenn auch wesentliche Fragen nach Selektionsdrücken und Umbaumechanismen offen bleiben.
Mit dieser Deutung der Federn von Archaeopteryx und Confuciusornis durch Nudds & Dyke 2010 würde auf jeden Fall eine der beiden konkurrierenden Theorien zur Flugentstehung ausscheiden: Ausgehend von diesen beiden Arten könnte das Fliegen kaum vom Boden ausgehend durch immer längere Sprünge entstanden sein. Es bliebe nur das Gleiten über kurze Entfernungen (etwa von Baum zu Baum) übrig. Die Frage der eingeschränkten Gleitfähigkeit stünde dabei der relativ modern anmutenden Flügelanatomie entgegen. Dieser Widerspruch könnte sicherlich nur anhand von Fossilfunden späterer Kreidevögel gelöst werden, die nach Autorenmeinung von Confuciusornis abzuleiten wären. Für Archaeopteryx selbst bliebe nach dieser Interpretation hinsichtlich der Vorläuferschaft moderner Ruderflieger nur eine evolutionäre Sackgasse übrig.
R. Junker & A. Weller
[Nudds RL & Dyke GJ (2010) Narrow Primary Feather Rachises in Confuciusornis and Archaeopteryx Suggest Poor Flight Ability. Science 328, 887-889. Vgl. auch: http://www.g-o.de/wissen-aktuell-11720-2010-05-28.html]