Geologisch nicht überlieferte Lebensräume bei Burgess-Fauna

Abb. 1: Sehr gut erhaltener Gliederfüßer aus der Gruppe der Chelonielliden. Obere Fezouata-Formation. (Aus van Roy et al. 2010, Abruck mit freundlicher Genehmigung)
Der Burgess-Schiefer des Mittelkambriums in den kanadischen Rocky Mountains birgt eine weltberühmte Fossillagerstätte mit verschiedensten Bauplänen vielzelliger Tiere in sehr guter Erhaltung, auch mit lithifizierten (versteinerten) Weichteilen. Einer breiten Öffentlichkeit wurde diese Vielfalt früher Lebensformen durch Stephen Jay Goulds Buch „Wonderful Life“ vorgestellt (Gould 1989; deutsch 1991 unter dem Titel „Zufall Mensch“). Gould schreibt darin: „Der Burgess-Shale umfaßt eine große anatomische Verschiedenartigkeit wie sie nie wieder erlangt wurde und auch heute von keinem der in den Weltmeeren lebenden Geschöpfe erreicht wird“ (S. 230). Es handelt sich dabei auch keineswegs um primitive Baupläne, wie schon frühere Bearbeiter herausgestellt haben; Gould bezeichnet einige von ihnen gar als „irre Wundertiere“. Die Burgess-Tiere sind Teil der sogenannten „kambrischen Explosion“, des geologisch plötzlichen fossilen Auftretens verschiedenster Tier-Baupläne (Valentine 2004).
Bisher schien es so, als ob ein Großteil der Burgess-Fauna genauso schell von der Weltbühne verschwunden wäre wie er auftauchte, so dass man ein großes Aussterben bereits im Kambrium annahm. Doch wurde auch die Vermutung geäußert, dass in Wirklichkeit geeignete Fossilisationsbedingungen fehlten und viele Burgess-Tiere weiterlebten. Diese Vermutung wurde nun durch die Entdeckung zahlreicher ähnlicher Formen im unteren Ordovizium Marokkos bestätigt (van Roy et al. 2010). In der Fezouta-Formation fand man eine Reihe von Bauplänen, die bisher als charakteristisch für das Kambrium galten. Damit ist klar, dass die betreffenden Formen in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen existierten und ihr zwischenzeitliches Fehlen in der Fossilüberlieferung auf die Erhaltungsbedingungen zurückzuführen ist. Über 1500 Fossilien mit Weichteilen aus mindestens 50 verschiedenen Taxa wurden entdeckt. Zu den gefundenen beschalten Organismen gehören unter anderem verschiedenste Trilobiten, Muscheln, Schnecken, Tintenfischartige, Brachiopoden (Armfüßer) und Stachelhäuter.
Neben den vielen bisher nur aus dem Kambrium bekannten Formen wurden aber auch weitere Formen entdeckt, es gibt also auch einige Unterschiede zwischen den Formen der marokkanischen und den kambrischen Lagerstätten. Bemerkenswert ist, dass darunter einige bisher nur aus deutlich jüngeren geologischen Systemen bekannte Formen sind, z. B. Gliederfüßer aus der Gruppe der Chelonielliden (Abb. 1) und Pfeilschwänze. Eine der entdeckten Pfeilschwanz-Arten weist Merkmale auf, die heutigen Formen sehr ähnlich sind (van Roy et al. 2010, 217). Dazu gehört auch der einmalig gebaute, neu beschriebene Anomalocaride Schinderhannes bartelsi aus dem unterdevonischen Hunsrückschiefer, der in dem sehr ähnlichen Anomalocaris der Burgess-Lagerstätte ein „Gegenstück“ hat. Zwischen beiden Räubern klafft nach herkömmlicher Zeitrechnung eine Überlieferungslücke von mindestens 100 Millionen Jahren (Kühl et al. 2009). Das Gleiche gilt für einige Burgess-ähnliche Arthropoden im Hunsrückschiefer; die offenbar nach Bartels & Lutz (1997, 65) ebenfalls seit dem Kambrium „in besonderen Lebensräumen überdauern“ konnten. Insgesamt werden damit die Unterschiede zwischen den kambrischen und späteren Faunen geringer, so van Roy et al. (2010).
R. Junker
[Bartels C & Lutz H (1997) Schatzkammer Dachschiefer. Die Lebenswelt des Hunsrückschiefer-Meeres. Mainz/ Bochum; Gould SJ (1991) Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens im Spiel der Natur. München – Wien; Kühl G, Briggs DEG &Rust J (2009) Schinderhannes bartelsi: Räuber aus dem Hunsrückschiefermeer. Fossilien 26, 232-235; Valentine J (2004) On the origin of phyla. Chicago and London; Van Roy P, Orr PJ et al. (2010) Ordovician faunas of Burgess Shale type. Nature 465, 215-218.]