Moderne Vögel in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen?
Der Fossilbericht der Vögel zeigt ein zweimaliges explosives Auftreten (Radiationen) vieler verschiedener Gruppen. Die erste Radiation ist vor allem im Oberjura und besonders in der Unterkreide dokumentiert. Diese Vogelgruppen unterscheiden sich von den heute lebenden Familien und gelten als „primitiver“. Zu ihnen gehört auch der berühmte „Urvogel“ Archaeopteryx. Eine zweite Radiation datiert ins untere Tertiär (Feduccia 1995). In diesen Schichtfolgen taucht eine Vielzahl von Fossilien auf, die heutigen Vogelfamilien zugeordnet werden können (Neornithes). Zwischen beiden Radiationen (oder besser „Explosionen“) liegt die auf 65 Millionen Jahre datierte Kreide/Tertiär-Grenze. Sie markiert die Folgen eines mutmaßlichen verheerenden Bolideneinschlags aus dem Weltraum. Allgemein wird vermutet, dass zu dieser Zeit die Dinosaurier endgültig ausstarben, was den Weg für die Entstehung auch der anatomisch modernen Vögel frei gemacht habe.
Doch dieses Bild ist in den vergangenen Jahren zunehmend fraglich geworden und muss mittlerweile als widerlegt gelten. Zum einen gibt es indirekte Hinweise darauf, dass die anatomisch modernen Vögel doch schon deutlich früher existierten; darauf deuten molekulare Studien hin, allerdings nur, wenn Evolution vorausgesetzt wird. Mehr und mehr werden aber auch direkte Belege für die frühere Existenz durch Fossilfunde bekannt. Darauf weist Dyke (2010) in einem Überblicksartikel hin. Zu den vortertiären Vogelfossilien gehört ein bereits 1987 entdeckter Flügel aus der Mongolei, der zu den Presbyornithinen gestellt wird, die mit Enten und Gänsen verwandt sind. Er erhielt 2002 den Gattungsnamen Tevornis. Etwas jünger, aber ebenfalls aus der Kreide, ist Vegavis von der antarktischen Insel Vega. Auch diese Gattung besitzt viele Gemeinsamkeiten mit Entenartigen. Weitere Funde, allerdings zumeist nur einzelne Knochen, die auf die Existenz anatomisch moderner Vögel in der Kreide hinweisen, stammen aus New Jersey und werden auf 80-100 Millionen Jahre datiert.
Diese Funde und die indirekten Hinweise aufgrund der molekularen Daten heutiger Vögel bedeuten, dass anatomisch moderne Vögel zeitgleich mit vielen Dinosauriern gelebt haben. Da von diesen Vögeln nur sehr wenige Reste gefunden wurden, müssen sie oftmals in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen existiert haben. Nur selten tauchen Spuren von ihnen auf, bevor sie sich mutmaßlich aufgrund für sie besserer Lebensbedingungen in größerem Ausmaß verbreiten konnten. Als großes Rätsel erscheint den Wissenschaftlern die Frage, warum einige anatomisch moderne Vögel die mutmaßliche Katastrophe an der Kreide/Tertiär-Grenze überleben könnten, die anderen vielfältigen Vogelgruppen der Kreidezeit jedoch nicht. Dyke (2010) vermutet, dass die überlebenden Gruppen Generalisten, also relativ wenig spezialisiert waren. Das könnte ihnen die nötige Flexibilität verliehen haben, extrem stressende Bedingungen zu überleben.
R. Junker
[Dyke G (2010) Winged victory. Modern birds now found to have been contemporaries of dinosaurs. Sci. Am. 303, July 2010; Feduccia A (1995) Explosive evolution in Tertiary birds and mammals. Science 267, 637-638]