Einzigartiges Merkmal von Lederschildkröten konvergent

Abb. 1: Schematische Darstellung der beiden Muster des Skelettwachstums bei Schildkröten. Oben: das verbreitete Muster, unten das hier beschriebene spzialisierte Muster bei Lederschildkröten. (Nach Snover & Rhodin 2008)

Die im Meer lebende Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) besitzt anders als alle anderen Schildkröten keinen typischen Rückenschild mit Hornschuppen. Die Elemente ihres Knochenpanzers hängen vielmehr lose zusammen und sind von einer derben lederartigen Haut umgeben. Der Hals ist verhältnismäßig kurz und kann nicht in den Panzer zurückgezogen werden. Ihre Extremitäten sind als lange Paddel ausgebildet. Es fehlen ihnen Krallen, was für Schildkröten sehr untypisch ist. Die Tiere können bis zu etwa 2,5 m lang werden; die Lederschildkröte ist damit die größte lebende Schildkröte.

Neben diesen und anderen Besonderheiten ist das Muster des Skelettwachstums der Lederschildkröte einzigartig. Während bei allen anderen Schildkröten beim Skelettwachstum dünnes Knorpelgewebe ohne Blutgefäße gebildet wird und das Wachstum nur langsam erfolgt, wachsen bei den Lederschildkröten rasch Blutgefäße in dickes Knorpelgewebe, und das Skelettwachstum verläuft schnell (vgl. Abb. 1). Dieses Skelettwachstumsmuster ist unter den heute lebende Reptilien einmalig und kommt nur bei der Lederschildkröte vor. Es wurde aber auch bei einigen ausgestorbenen Meeresschildkröten wie z. B. bei Archelon aus der Kreide nachgewiesen (Snover & Rhodin 2008, 33). Diese sind aber mit der heute lebenden Gattung Dermochelys nicht verwandt. Daher muss je nach systematischer Einordnung der fossilien Formen eine zwei- bis viermalige unabhängige, also konvergente Entstehung dieser ungewöhnlichen Form des Skelettwachstums angenommen werden. Alternativ käme auch ein sekundärer Verlust in Frage. Beide Szenarien halten Snover & Rhodin nicht für wahrscheinlich.

Es handelt sich also um eines von mehr und mehr bekannt werdenden Beispielen dafür, dass auch Bauplan-Gleichheit in der Ausprägung von Komplexmerkmalen an sich nicht auf gemeinsame Vorfahren schließen lässt (vgl. das Streiflicht über die Konvergenz im Echoortungssystem bei Fledermäusen und Walen).

R. Junker

[Snover ML & Rhodin AGJ (2008) Comparative Ontogenetic and Phylogenetic Aspects of Chelonian Chondro-Osseous Growth and Skeletochronology. In: Wyneken J, Godfrey MH & Bels V (eds) Biology of Turtles. Boca Raton: CRC Press, S. 17-43.]