Kraftwerke zu Linsen

Augen sollen im Laufe der Evolution 40mal unabhängig voneinander entstanden sein. Diese Überlegung wurde angezweifelt, weil es sich herausstellte, dass der Hauptschalter zur Augenentwicklung bei Fruchtfliegen und Mäusen der gleiche ist (pax6). Somit wurde ein gemeinsamer Entstehungsursprung der Augen vermutet. Seit dieser Zeit mehren sich aber Beobachtungen neuer Details zur Augenentwicklung bei den verschiedensten Tierarten, die mit einem gemeinsamen Ursprung nicht verträglich sind. Als ein Beispiel seien hier die Augen eines Parasiten mit dem Namen Neoheterocotyle angeführt. Dieses Tier aus der Gruppe der Plattwürmer parasitiert auf Fischen. Die bewimperte Larve hat zwei Paar Augen, am Vorder- und Hinterende. Die Augen am Vorderende bestehen aus zwei, die am Hinterende aus je einer Sinneszelle (Rhabdomer). Interessanterweise besitzt jede Sinneszelle ihre eigene Linse. Diese Linse geht offensichtlich aus einem Mitochondrium der Augenzelle hervor, denn es lassen sich im Elektronenmikroskop Strukturen erkennen, die für diese Zellbestandteile typisch sind. Mitochondrien sind normalerweise die Kraftwerke einer Zelle. Damit bestehen die Lichtsinnesorgane von Neoheterocotyle aus kleinen „Ein-Zell-Augen“, komplett mit Lichtabschirmung von hinten (Pigmentbecher), besagter Mitochondrien-Linse und lichtempfindlichen Teilen, die mit der Funktion einer Retina vergleichbar sind. Es fragt sich, wozu ein so scheinbar einfach gebautes Tier so komplexe Augen benötigt.

NW

[Fernald RD (2006) Science 313, 1914-1918; Rohde K, Watson NA & Chisholm LA (1999) Int. J. Parasitol. 29, 511-519]