Sind die ältesten Tierfossilien „nur“ Bakterien?

Abb.1: Zeichnerische und graphische Darstellung von Parapandorina aus der Doushantuo-Region Südchinas, nach Fotos aus Donoghue (2006), rechts nach einem Foto mit Röntgen-Mikrotomographie, mit zahlreichen Vakuolen. Eine neue Studie deckte einige Ähnlichkeiten mit Riesenbakterien auf.
Die Deutung von Fossilien kann mitunter ausgesprochen schwierig sein, insbesondere wenn sie fast mikroskopisch klein sind. So wird durch eine neue Studie die Deutung bedeutsamer früher Tierfossilien aus dem oberen Präkambrium in Frage gestellt: Nach ihrer Entdeckung zunächst als älteste fossile Nachweise von Embryonen von Vielzellern interpretiert (Xiao et al. 1998), entpuppen sich Fossilien der Gattungen Parapandorina (Abb. 1) und Megasphaera aus der Doushantuo-Formation aus China nun vermutlich als Riesenbakterien (Bailey et al. 2006). Dies ergab sich durch einen Größen- und Proportions-Vergleich mit Thiomargarita, dem größten heute lebenden Bakterium, das in Sedimenten vor der Küste Namibias und im Golf von Mexiko entdeckt wurde. Thiomargarita ist etwa so groß wie die Doushantuo-Fossilien, und ist mit einer großen zentralen Vakuole und vielen kleinen Vakuolen ausgefüllt. Bei der Teilung entsteht ein Gebilde, das einem Vierzellstadium eines Vielzellers gleicht. Solche Teilungsstadien täuschen also im fossilen Erscheinungsbild wenigzellige Embryonen vor. Die Tatsache, dass solche Teilungsstadien in großer Zahl in den Doushantua-Phosphoriten vorkommen, jedoch keine ausgewachsenen Exemplare gefunden wurden, sperrt sich gegen die Deutung der Fossilien als Tierembryonen (Donoghue 2006, 155).
Dennoch kann der Fall nicht ad acta gelegt werden. Denn auch die Deutung von Parapandorina und Megasphaera als Riesenbakterien ist nicht in jeder Hinsicht stimmig: Beispielsweise sind von Thiomargarita nur maximal 3 Abfolgen einer Zellteilung (8 zusammenhängende Zellen) bekannt, während bei Parapandorina Aggegrate von über 100 Zellen bekannt sind, was mindestens 7 Teilungsstadien erfordert. Die Klassifikation der Fossilien kann daher nicht als geklärt gelten (Donoghue 2006, 156). Es bleibt dabei, was Donoghue (2006) einleitend in seinem Kommentar feststellte: „Der Ursprung der Tiere ist fast ein solches Geheimnis wie der Ursprung des Lebens.“ Wie weit die evolutionäre Geschichte des tierischen Lebens ins Präkambrium reiche, sei reich an Spekulationen und spärlich an Belegen.
RJ
[Bailey JV, Joye SB, Kalanetra KM, Flood BE & Corsetti FA (2006) Evidence of giant sulphur bacteria in Neoproterozoic phosphorites. Nature 445, 198-201; Donoghue PCJ (2006) Embryonic identity in crisis. Nature 445, 155-156; Xiao S, Zhang Y & Knoll AH (1998) Three-dimensional preservation of algae and animal embryos in a Neoproterozoic phosphorite. Nature 391, 553-558.]