Bittere Konvergenz

Wenn Menschen und Schimpansen zwei Merkmale gemeinsam haben, denkt jeder sofort an ein gemeinsames stammesgeschichtliches Erbe. Eine gemeinsame Fähigkeit oder aber auch ein gemeinsamer Verlust einer Fähigkeit sollte beim gemeinsamen Vorfahren vorhanden gewesen und auf die Nachfahren vererbt worden sein. Daß diese Schlußfolgerung falsch sein kann, zeigten Forscher um Stephen Wooding von der University of Utah und Bernd Bufe vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung am Beispiel einer Geschmacksunempfindlichkeit, die bei manchen Menschen und manchen Schimpansen auftritt. Es handelt sich dabei um den Bitterstoff Phenylthiocarbamid (PTC), den 70% der Menschen schmecken, für den jedoch 30% unempfindlich sind. Im Jahr 1939 hatten Fisher et al. herausgefunden, daß der Anteil der nicht-sensitiven Individuen bei Menschen und Schimpansen etwa gleich groß ist, und daraus geschlossen, daß es sich um ein gemeinsames Erbe von Vorfahren handle, die vor der Aufspaltung der Linien gelebt haben, die zum Menschen und zum Schimpansen führten (Wooding et al. 2006, 930).

Nun hat sich jedoch herausgestellt, daß die Geschmacksunempfindlichkeit beim Menschen und Schimpansen auf ganz unterschiedliche Weise zustande kommt. Die Forscher sequenzierten das Gen des zuständigen Geschmacksrezeptors TAS2R38 bei 86 Schimpansen und fanden keine der vom Menschen bekannten Varianten. Außerdem scheinen die selektiven Randbedingungen, die zum Verlust der Schmeckfähigkeit geführt haben, unterschiedlich gewesen zu sein. Damit ist die klassische Schlußfolgerung von Fisher et al. widerlegt, schreiben die Autoren; die molekulare Basis der Geschmacksvariabilität sei zweimal unabhängig entstanden.

RJ

[Wooding S, Bufe B, et al. (2006) Independent evolution of bitter-taste sensitivity in humans and chimpanzees. Nature 440, 930-934.]