Aga-Kröte mit schnellen Beinen

In der zuletzt überhitzten Atmosphäre der Auseinandersetung um Evolution wurde häufig die Aga-Kröte als „Stütze“ für die Evolutionstheorie angeführt. Der „Spiegel“ wartete sogar mit der Meldung auf, daß die Australier durch diese „Gift-Kröte“ die Evolution derzeit „live zu spüren“ bekämen (www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,401145,00.html). Was hat sich ereignet?

Vor 70 Jahren wurde diese bis zu 2 kg schwere Kröte (Bufo marinus) aus Venezuela zur Schädlingsbekämpfung in Australien eingeführt. Wie so oft waren auch hier die ökologischen Folgen dieser Einschleppung kaum absehbar. Die Tiere erwiesen sich als Meister der Ausbreitung und sind längst ihrerseits zu einer schwer bekämpfbaren Plage geworden. Nach ein paar Jahren bildeten die Kröten längere Beine aus. Untersuchungen zeigten, daß die Tiere, die sich an der Spitze der Ausbreitungsfront befanden, die längsten Beine hatten (Phillips et al. 2006).

Die Verlängerung der Beine erklärt die Schnelligkeit der Ausbreitung jedoch nicht alleine. Vielmehr kommt eine Verhaltensänderung im Ausbreitungsverhalten hinzu, die dazu führte, daß die Kröten sich nach 2-3 Jahrzehnten 5mal so schnell ausbreiteten als zu Beginn. Mittlerweile stoßen sie 50 km pro Jahr vor. Von diesen geradezu blitzschnellen Veränderungen sind die Wissenschaftler überrascht und schlagen Alarm: Eingeschleppte Arten, die in neue Lebensräume vordringen, müßten schnellstens bekämpft werden, bevor das ökologische Gleichgewicht nachhaltig gestört wird.

Diese Veränderungen sind allerdings weit davon entfernt, pauschal als Stütze für die Evolutionstheorie gelten zu können, handelt es sich doch um ein offenkundiges Beispiel von Mikroevolution. Daß Anpassungsfähigkeit und ökologische Flexibilität zu den Grundeigenschaften des Lebens gehört, ist vielfach experimentell belegt und auch nicht strittig; die Aga-Kröte liefert ein weiteres beeindruckendes Beispiel dafür. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das stark veränderte Ausbreitungsverhalten unter geänderten ökologischen Bedingungen. Ist das ökologische Gleichgewicht gestört, werden offenbar Mechanismen einer schnelleren Ausbreitung abgerufen.

Die Aga-Kröte hat wegen ihrer giftigen Haut im neuen Lebensraum kaum Feinde. Lediglich zwei Schlangenarten haben es – ebenfalls schnell – geschafft, ihrer Herr zu werden (Phillips & Shine 2004). Ihre Köpfe sind kleiner und ihr übriger Körper größer als zuvor. Deshalb können sie nur kleinere, weniger giftige Kröten fressen, deren Gift im größeren Körper nicht so wirkungsvoll ist. Auch das ist Variation von Vorhandenem – Mikroevolution; und sie kann schnell verlaufen. 20 Generationen reichten den Schlangen offenbar bereits aus. Das kann nur so schnell gehen, wenn das nötige Potential genetisch schon bereitgestellt ist, so daß Selektion in kurzer Zeit wirksam werden kann.

RJ

[Phillips BL, Brown GP, Webb JK & Shine R (2006) Invasion and the evolution of speed in toads. Nature 439, 803; Phillips BL & Shine R (2004) Adapting to an invasive species: Toxic cane toads induce morphological change in Australian snakes. Proc. Natl. Acad. Sci. 101, 17150-17155]