Ameisen: Zunahme an Vielfalt bereits vor fossilem Nachweis

Ameisen (Hymenoptera: Formicidae) gehören zu den dominanten Organismengruppen von Landlebensräumen und nehmen eine Schlüsselrolle in den ökologischen Gefügen ein. Sie weisen eine große Artenvielfalt auf und sind auch fossil in großer Zahl bekannt. Umfangreiche molekulare Analysen einer Forschergruppe der Harvard Universität werden im Sinn einer Monophylie gedeutet, d. h. man führt die Ameisen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück (Moreau et al. 2006). 19 der 20 Unterfamilien der Formiciden wurden in die Untersuchungen einbezogen und Sequenzdaten von 4500 Basen aus 6 Gen-Regionen ausgewertet. Mittels Kalibrierung anhand fossiler Formen wird auf ein Mindestalter der Ameisen von 140 Millionen Jahren geschlossen (untere Unterkreide); das ist viel älter als bisher angenommen. Die ersten fossilen Nachweise datieren um 100 Millionen Jahre (Grenzbereich Untere/Obere Kreide). Unter den ältesten fossilen Ameisen treten neben basalen Formen auch solche mit Merkmalen „moderner“ Gruppen auf. Die Autoren schließen aus diesem Befund, daß es eine länger dauernde Frühgeschichte der Formicidae gegeben haben müsse. Die hauptsächliche Diversifikation (erhebliche Zunahme an Vielfalt) ist aber erst ab der Oberkreide (um 80 Millionen Jahre) bis zum Eozän (um 50 Millionen Jahre) fossil nachgewiesen. Das heißt: ein größerer Abschnitt, nämlich etwa ein Drittel bis die Hälfte der Geschichte der Ameisen ist fossil nicht oder nur schwach belegt – sie müssen also während dieser Zeit in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen existiert haben (vgl. dazu Stephan 2002). Die Autoren vermuten einen Zusammenhang zwischen der Diversifikation der Ameisen mit der Ausbreitung der Angiospermen (= bedecktsamige Blütenpflanzen). Auch bei diesen wird eine längere nicht belegte Vorgeschichte vor dem fossilen Erscheinen angenommen.

RJ

[Moreau CS, Bell CD, Vila R, Archibald SB & Pierce NE (2006) Phylogeny of the Ants: Diversification in the Age of Angiosperms. Science 312, 101-104; Stephan M (2002) Der Mensch und die geologische Zeittafel. Holzgerlingen.]