Über Werkzeuggebrauch, Händigkeit und Nachahmung:
Neues zur Sprachevolution
Eine Studie von Andrew Whiten von der University St Andrews in Fife, UK zeigte, daß Schimpansen voneinander lernen, wie sie z.B. eine recht komplex in einer Kiste verstaute Frucht mittels eines Stockes herausbringen können. In einer standardisierten Versuchsreihe brachten Forscher einem Schimpansen eine bestimmte Lösung und einem anderen Schimpansen eine alternative Lösung bei. Diese Kenntnis vermittelten die Schimpansen dann ihren nicht eingeweihten Gruppenmitgliedern. Dabei stellte sich heraus, daß auch solche Schimpansen der Gruppe, die zwischendurch selber eine eigene Lösung entwickelten, dennoch zur zuvor gelernten und imitierten zurückkehrten.
Einen ähnlichen „Imitationseffekt“ scheint es auch beim Handgebrauch zu geben. Während ungefähr 90 % der Menschen rechtshändig sind (eine Zahl, die möglicherweise zu hoch angesetzt ist), ist im Tierreich eine solche Seitenpräferenz eher selten (allerdings kennt man sie auch bei Hühnern und Fröschen). Man hat bislang die Handpräferenz mit der Sprachevolution in Verbindung gebracht, da diese von der linken Hemisphäre getragen wird (die auch die rechte Hand steuert). So schloß man, daß wenn die Sprachentwicklung schon vor der Trennung von Menschen- und Affenvorfahren eingesetzt hat, die Schimpansen ebenfalls eine Rechts-Präferenz zeigen sollten. Seit längerem hat man die Rechtshändigkeit von in Gefangenschaft aufgezogenen Schimpansen als Hinweis auf die Ähnlichkeit mit dem Menschen und die Kopplung mit der Sprachentwicklung gesehen. Einige Studien schienen dies tendenziell auch von Wildpopulationen zu bestätigen, andere konnten keinerlei Hand-Präferenz entdecken. Nun aber wurde bei wilden Schimpansen in einer dreijährigen Studie eher das Gegenteil beobachtet: das sehr diffizile Termitenangeln wurde von 12 der 17 beobachteten Schimpansen aus dem Gombe Nationalpark in Tansania mit links erledigt, vier benutzten die rechte Hand und einer konnte es mit beiden Händen gleich gut. William D. Hopkins vom Yerkes National Primate Research Center an der Emory University in Atlanta diskutiert auch frühere Studien und vermutet, daß dies von der jeweiligen Population abhängt: Eine deutliche Handpräferenz durch das Nachahmen der Mutter infolge einer intensiven Beziehung ist offensichtlich, so daß sich eine einmal entwickelte spezifische Präferenz in einer Population mit der Zeit verstärkt. Ob dafür genetische Faktoren oder soziale Einflüsse wie die Nachahmung von Mutter bzw. Artgenossen eine Rolle spielen, wollen die Forscher nun in weiteren Studien herausfinden. In diesem Zusammenhang hoffen sie auch, Gene zu finden, die für die Unterschiede bei der Händigkeit von Schimpanse und Mensch verantwortlich sind.
Die in Gefangenschaft aufgezogenen Schimpansen haben möglicherweise wegen des engen Kontaktes zu den rechtshändigen Menschen eine stärkere Rechtspräferenz. Bei Wildpopulationen ist die Präferenz auch von der Art der Tätigkeit abhängig: Nüsse würden eher mit rechts (Kraftaufwand) geknackt, Wasser mittels Blättern ebenfalls mit rechts geschöpft, Termiten mit links gefischt. Auch Gorillas zeigen eine gewisse populationsabhängige Präferenz. Das zeigt, daß die Hand-Präferenz ein allen Hominoidea gemeinsames Merkmal ist. Daß der Mensch so stark rechtsorientiert ist, könnte ein Hinweis auf seine einzigartige Gehirnorganisation sein, meinte Hopkins. In einem Interview vertrat er die Auffassung, daß die Verbindung zwischen Sprachevolution und Handpräferenz nicht haltbar sei.
SHS
[Byrne RW & Byrne JM (2001) Manual dexterity in the gorilla: bimanual and digit role differentiation in a natural task. Animal Cognition 4, 347-361; Lonsdorf EV & Hopkins WD (2005) Wild chimpanzees show population-level handedness for tool use. Proc. Natl. Acad. Sci. 102, 12634-12638; Whiten A, Horner V & de Waal F (2005) Conformity to cultural norms of tool use in chimpanzees. Nature 437, 737-740.]