Ein weiteres rätselhaftes Fossil aus dem Kambrium

Stephen Jay Gould beschreibt in seinem Buch „Zufall Mensch“ (Gould 1991) die erstaunliche Vielfalt der kambrischen Tiere. Viele von ihnen lassen sich nur schwer den heute bekannten Tierstämmen zuordnen. Gould beschreibt unter den Fossilien des Burgess-Schiefers in Britisch-Kolumbien (Kanada) 20 neue Tierstämme mit großen Bauplan-Unterschieden, die er als „irre Wundertiere“ bezeichnet; die äußerst vielgestaltigen Arthropoden nennt er „einzigartige Gliederfüßer“ mit einem „Maximum an anatomisch leistungsfähigen Möglichkeiten“. Seiner Meinung nach übertreffen die Burgess-Fossilien „wahrscheinlich das gesamte Spektrum des wirbellosen Lebens in den heutigen Ozeanen“. Andere Paläontologen sind zurückhaltender. Sie meinen, daß das damalige Tierspektrum nicht so groß war wie Gould annimmt und kritisieren die Aufstellung so zahlreicher neuer Tierstämme. Doch wie immer man diese Funde auch taxonomisch einordnet, es ändert nichts an der erstaunlichen Verschiedenartigkeit kambrischer Tiergestalten. Die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den Bauplänen der Tierwelt waren damit von Beginn der dokumentierten Fossilüberlieferung vielzelliger Organismen bereits vorhanden.

Schon Darwin hatte diese Vielfalt der kambrischen Fossilien als Problem für seine Theorie vermerkt. In einer aktuellen Monographie stellt Valentine (2004) fest, daß sich diese markante Diskontinuität seither durch viele Forschungen bestätigt hat. Es finden sich kaum Fossilien, die die verschiedenen Stämme miteinander verbinden, aber auch diese wenigen Ausnahmen eignen sich nicht als evolutionäre Übergangsformen. Der Grund dafür ist, daß einzelnen verbindenden Merkmalen solcher Formen Merkmalskomplexe gegenüberstehen, die eine Übergangsstellung ausschließen.

Abb.1: Vetustovermis. (Aus Chen et al. 2005; Abdruck mit freundlicher Gemehmigung von J. Y. Chen)

Im Herbst 2005 untersuchten Chen et al. neue Fossilien eines dieser rätselhaften Tiere aus dem unteren Kambrium. Die 5-10 cm große Gattung Vetustovermis (Abb. 1) war bereits 1979 von Glaessner als Ringelwurm oder Gliederfüßer beschrieben worden. Die neuen anatomischen Untersuchungen bestätigen diese Zuordnung jedoch nicht. Merkmale im Bau ähneln demnach anderen Gruppen wie modernen Plattwürmern, Nemertinen und Mollusken (Weichtieren). Die pelagische nacktschneckenartige Form, der ventrale (bauchseitige) Fuß und der Kopf mit Augen und Tentakeln stellt das Tier in die Nähe von Mollusken, doch kommen einige dieser Merkmale auch bei anderen Tiergruppen vor. Der ausdifferenzierte Kopf ist bei Mollusken sonst erst bei einem „höheren“ evolutionären Level (Conchifera, Schalenweichtiere) bekannt. Anstelle von Kammkiemen, die bei Mollusken sonst ausgebildet sind, sind die Kiemen bei Vetustovermis stabartig. Das komplette Merkmalsmosaik dieses auf 525 Millionen Jahre datierten Weichkörper-Tiers paßt insgesamt zu keiner anderen bekannten heute lebenden oder ausgestorbenen Tiergruppe, stellen Chen et al. (2005) fest. Nach ihrer Auffassung respräsentiert dieses Tier eine unabhängige Evolutionslinie.

Damit aber müssen viele Merkmale von Vetustovermis als konvergent gewertet werden. Das Tier ist wie viele andere ausgeprägt baukastenartig „zusammengesetzt“ – eine evolutionstheoretisch unerwartete Konstellation, die die Aufstellung von Stammbäumen erschwert. Dies äußert sich konkret bei Vetustovermis darin, daß trotz Ählichkeiten zu anderen Tiergruppen eine eigene unabhängige Evolutionslinie angenommen werden muß, weil das gesamte Merkmalsspektrum eine Positionierung in den bisherigen hypothetischen Stammbaum verhindert. Der Ursprung dieser Linie liegt aber ebenso im Dunkeln wie die Linien der anderen kambrischen Gruppen (Valentine 2004).

RJ

[Chen JY, Huang DY & Bottjer DJ (2005) An Early Cambrian problematic fossil: Vetustovermis and its possible affinities. Proc. R. Soc. Biol. Sci. 272, 2003-2007; Gould SJ (1991) Zufall Mensch. München; Valentine JW (2004) On the origin of phyla. Chicago and London]