„Urvogel“ mit Dinofuß
Vor kurzem gelangte ein zehntes Exemplar des berühmten „Urvogels“ Archaeopteryx aus den Schubladen eines Sammlers in die Hände der Wissenschaftler. Es stammt wie alle anderen Archaeopteryx-Fossilien aus den Solnhofener Plattenkalken; der genaue Fundort ist jedoch unbekannt. Ende Dezember 2005 publizierten Gerald Mayr und Mitarbeiter vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg einige anatomische Details über den neuen Fund. Das neue Exemplar ist sehr gut erhalten und läßt einige Merkmale erkennen, die bei den bisherigen Funden nicht oder nur schwer erkennbar waren, und zwar vor allem im Bau der Füße und des Schädels. Dabei zeigen sich einige typische Merkmale theropoder Dinosaurier (kleine zweibeinige Raubdinosaurier). So weist ein Teil des Gaumenknochens, das Palatinum, vier statt drei Fortsätze auf – ein Reptilmerkmal. Die Hinterzehen des Fußes sind nicht vogeltypisch nach hinten gerichtet, sondern zur Seite. Deren Lage war bisher unklar und umstritten gewesen. Daß Archaeopteryx nicht den typischen Vogel-Greiffuß hatte, war an den bisherigen Funden jedoch bereits erkennbar. Neu ist auch die Entdeckung, daß die zweite Zehe als kräftige Kralle ausgebildet war, die weit nach oben überdehnt werden konnte – eine Ausprägung, die von Dinsoauriern wie Deinonychus („Schreckenskralle“) bekannt ist. Allerdings ist diese Kralle beim Urvogel verhältnismäßig klein. Aufgrund der Fußmerkmale vermuten Mayr et al. (2005), daß Archaeopteryx sich nur gelegentlich im Geäst fortbewegte. Die Lebensweise des Urvogels ist laut Chiappe & Dyke (2002, 97) stark umstritten. Viele Körpermerkmale und vor allem der Besitz „moderner“ Federn sprechen dafür, daß er ein aktiver, wenn auch kein guter Flieger war. Ein Start vom Boden aus betrachten viele jedoch als unwahrscheinlich, was wiederum indirekt für Aufenthalte im Geäst spricht, von wo aus ein Flugstart leichter möglich wäre. Kein Wunder, daß Witmer (2002, 16) feststellte: „Despite numerous studies, even the basic lifestyle of Archaeopteryx is disputed.“ Das neue Exemplar scheint die Unklarheiten diesbezüglich nicht beseitigen zu können. „Radikal neu“ seien diese Merkmale bei Archaeopteryx nicht, meint Stokstad (2005) in einem Kommentar, doch die neu erkennbaren Merkmale verbreitern die Gemeinsamkeiten zwischen dem Urvogel und den Theropoden-Dinosauriern. Andererseits sprechen nach Mayr et al. das Fehlen eines vogeltypischen Gaumens und des vogeltypischen Fußes und der Besitz der nach oben überdehnbaren zweiten Zehe gegen eine Monophylie von Archaeopteryx und der anderen Vögel. Eine von ihnen durchgeführte cladistische Analyse stellt Archaeopteryx zusammen mit der viel jüngeren Gattung Rahonavis aus der Oberkreide in einen Ast außerhalb von den anderen kreidezeitlichen Vögeln. Zur stammesgeschichtlichen Stellung von Archaeopteryx wird es wohl ebenso wie zu seiner Lebensweise noch viel Diskussionsbedarf geben. Sein besonderes Merkmalsmosaik könnte auch Ausdruck einer speziellen Lebensweise sein, die noch nicht richtig verstanden ist.
RJ
[Chiappe LM & Dyke GJ (2002) The mesozoic radiation of birds. Annu. Rev. Ecol. Syst. 33, 91-124; Mayr G, Pohl B & Peters S (2005) A well-preserved Archaeopteryx specimen with theropod features. Science 310, 1483-1486; Stokstad E (2005) Best Archaeopteryx fossil so far ruffles a few feathers. Science 310, 1418-1419; Witmer LM (2002) The debate on avian ancestry: phylogeny, function, and fossils. In: Chiappe LM & Witmer LM (eds) Mesozoic birds: Above the heads of dinosaurs. Berkeley, Los Angeles, London, pp 3-30.]