Räuberische Raupe mit Spinn-Technik

Die meisten Schmetterlinge (Lepidoptera) leben in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen als Pflanzenfresser (herbivore Lebensweise). Nur wenige der beschriebenen Arten (ca. 0,13%) ernähren sich räuberisch oder als Parasiten.

Schmetterlingsraupen besitzen Spinndrüsen. Damit produzieren sie Spinnseide, mit der sie die Raupe vor der Metamorphose fixieren und Kokons herstellen, in denen die Verpuppung abläuft.

Rubinoff & Haines (2005) beschreiben eine neue Mottenart Hyposmocoma molluscivora (Familie Cosmopterigidae), die nur auf der Insel Maui, einer der Inseln von Hawaii, vorkommt. Die Raupen dieses Kleinschmetterlings leben in einem Seidenköcher, in den auch kleine Partikel aus der Umgebung eingearbeitet werden, und ernähren sich selbst wenn sie hungern nicht von Pflanzengewebe, sondern nur von Schnecken der Art Tornatellides. Trifft eine H. molluscivora-Raupe eine Tornatellides auf einem Pflanzenblatt an, so attackiert sie diese regelmäßig in einer Weise, die an die Jagd von Spinnen erinnert. (Rubinoff & Haines beobachteten 18 Attacken von 10 Individuen.) Das Gehäuse der Schnecke wird mit Spinnseide so an der Pflanzenoberfläche eingesponnen und damit fixiert, daß die Schnecke sich nicht durch Fallenlassen oder Versiegeln des Gehäuses gegen die Blattfläche hin dem Angriff entziehen kann. Ist die Beute auf diese Art gesichert, dann streckt sich die Raupe aus ihrem Köcher und drängt die Schnecke in ihrem Gehäuse zurück und verzehrt sie.

Die Beziehung zwischen H. molluscivora und Tornatellides scheint sehr ausgeprägt zu sein, denn auf vielen Köchern der Raupen sind kleine Schneckenhäuser von Tornatellides eingearbeitet. Die Autoren vermuten noch mehr Besonderheiten bei den 350 ausschließlich auf Hawaii lebenden Hyposmocoma-Arten. Das Verhalten der Larven der meisten dieser Arten ist bisher nicht beschrieben.

In ihrer Arbeit erwähnen Rubinoff & Haines, daß von anderen Hawaii-Inseln ebenfalls von schneckenfressenden Raupen berichtet wird, so daß außergewöhnliche Jagdmethoden und die Vorliebe für Schnecken als Beute sogar noch weiter verbreitet sein könnten. Die Autoren erwarten von weiteren Studien Hinweise auf den Einfluß von Isolation auf die Entwicklung neuer Verhaltensweisen. Dieses Beispiel zeigt aber zunächst einmal, wie vielfältig Organe und Werkzeuge von Organismen in der Natur eingesetzt werden – auch zu destruktiven Zwecken.

HB

[Rubinoff D & Haines WP (2005) Web-spinning caterpillar stalks snails. Science 309, 575. Weitere Informationen und Abbildungen im Internet: www.sciencemag.org/cgi/content/full/309/5734/575/DC1]