Hin und Her im Hirn
Klassische Vorstellung zur Evolution des menschlichen Gehirns ist, daß sowohl das Volumen des Gehirns als auch die strukturelle Organisation auf dem evolutiven Weg zum Menschen hin zunehmen. Eine relativ leicht zu beobachtende Formänderung des Gehirns ist die relative Größenzunahme des Großhirns gegenüber dem Kleinhirn. Letzteres ist im Schädelinnenausguß fossiler Schädel meist gut abgrenzbar und messbar. Bekannt ist, daß das Großhirn bei verschiedenen Taxa unterschiedlich groß ist: je höher entwickelt, d.h. komplexer die Formen, umso größer die Großhirnhemisphären in Relation zum Kleinhirn. Die Australopithecinen besitzen größere Hemisphären als die miozänen Menschenaffen; die größten Hemisphären kommen bei den Spätpleistozänen Menschen – H. sapiens und H. neanderthalensis – vor. Doch danach kehrt sich der Trend um und die heutigen Menschen besitzen wieder ein relativ kleineres Großhirn und entsprechend ein relativ größeres Kleinhirn. Nach Weaver (2005) war diese „Bekehrung“ zum Kleinhirn notwendig für die stetig komplexer werdende Kultur und sich schnell verändernden Lebensvollzüge, ein erstaunlich klingender Befund. Die Volumenzunahme des Großhirns korreliert offensichtlich nicht linear mit der Komplexität und Höherentwicklung des Menschen. Es lebe das Kleinhirn!
SHS
[Weaver AH (2005) Reciprocal evolution of the cerebellum and neocortex in fossil humans. Proc. Natl. Acad. Sci. 102, 3576-3580.]