Anhaltender Streit um älteste Lebensspuren
Die Wissenschaft geht heute laut Lehrbuchwissen von einem Alter der Erde von ca. 4,6 x 109 Jahren aus. In einer ersten Phase war sie nach gängigen Vorstellungen aufgrund der thermischen Bedingungen steril und auch später war die Erdoberfläche aufgrund intensiven Meteoritenbombardements kein hospitabler Lebensraum.
Mojzsis und Mitarbeiter erregten mit Veröffentlichungen (Mojzsis et al. 1996, Nutman et al. 1997) Aufsehen, als sie behaupteten, in Sedimentgestein der kleinen Insel Akilia, an der Westküste von Grönland, indirekte Hinweise auf Leben gefunden zu haben. Das Besondere daran: Aufgrund radiometrischer Datierungen wird diesem Gestein ein Alter von 3,85 x 109 Jahren zugeordnet; damit gehört es zu den ältesten Sedimentsystemen auf der Erde. Die Behauptung, es handle sich um Lebensspuren bzw. es gebe indirekte Hinweise darauf, begründeten die Autoren mit der Verteilung von Kohlenstoffisotopen in winzigen Graphiteinschlüssen, die sie in Apatit (Calciumphosphat-Mineral) gefunden hatten. In einer jüngst erschienenen Publikation (Lepland et al. 2005) konnte das Vorkommen von Graphit in Apatit-Kristallen von Akilia allerdings nicht bestätigt werden; auch in den Originalproben nicht.
Mojzsis und Mitarbeiter hatten das Muttergestein, aus dem sie ihre Proben gewonnen hatten, als bebänderte Eisenformation (BIF, banded iron formation) beschrieben. BIFs werden als Meeressedimente interpretiert und bestehen aus wechselnden Lagen von Eisenoxid (Magnetit oder Hämatit) und Silikaten (Quarz). Andere Autoren (Fedo & Whitehouse 2002) geben für die dunklen Bänder stattdessen Eisenoxid mit Pyroxen (Aluminiumsilikate mit Calzium, Magnesium und Eisen) an und interpretieren sie als stark metamorph verändertes Gestein magmatischen Ursprungs (magmatisches Gestein wird in unmittelbarer Umgebung gefunden); in solchem Gestein sind Hinweise auf Lebensspuren nicht zu erwarten.
Die Altersangaben aufgrund der radiometrischen Datierung (U-Pb) an Zirkon werden von verschiedenen Arbeitsgruppen ebenfalls kontrovers diskutiert.
Auch andere sehr frühe fossile Hinweise auf Leben wie die von Schopf (1993) präsentierten Funde von Westaustralien, die mit einem Alter von 3,5 x 109 Jahren angegeben werden, wurden von Brasier et al. (2002) in Frage gestellt. Durch die Erwiderungen und die Präsentation neuer Daten von Schopf et al. (2002) bleibt die Diskussion im Gange, so daß auch populärwissenschaftliche Journale das Thema aufgreifen und die Diskussion einem breiteren Publikum vorstellen (Simpson 2004).
Es ist begrüßenswert, wenn gerade die frühesten fossilen Lebensspuren einer besonders kritischen Prüfung unterzogen werden, zumal dieses Thema von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt wird. Für Moorpath (2005) sind Fossilien von Bakterien in der Guntflint Formation in Ontario mit 1,9 x 109 Jahren die frühesten heute allgemein akzeptierten Spuren von Leben.
HB
[Brasier MD, Green OR, Jephcoat AP, Kleppe AK, van Kranendonk MJ, Lindsay JF, Steele A, Grassineau NV (2002) Questioning the evidence for earth’s oldest fossils. Nature 247, 76-81; Lepland A, van Zullen MA, Arrhenius G, Whitehouse MJ, Fredo CM (2005) Questioning the evidence for Earth´s earliest life – Akilia revisited. Geology 33, 77-79; Mojzsis SJ, Arrhenius G, McKeegan KD, Harrison TM, Nutman AP, Friend CR (1996) Evidence for life on earth before 3,800 million years ago. Nature 384, 55-59; Moorpath S (2005) Dating the earliest life. Nature 434, 155; Nutman AP, Mojzsis SJ, Friend CRL (1997) Recognition of 3.850 Ma water-lain sediments in West Greenland and their significance for the early Archean Earth. Geochim. Cosmochim. Acta 61, 2475-2485; Schopf JW (1993) Microfossils of the Early Archean Apex chert: New evidence of the antiquity of life. Science 260, 640-646; Schopf WJ, Kudryavtsev AB, Agresti DG, Wdowiak TU, Czaja AD (2002) Laser-Raman imagery of earth´s earliest fossils. Nature 416, 73-76; Simpson S (2004) Wie alt sind die ersten Lebensspuren? Spektrum der Wissenschaft 2004/4, 70-77; Technical Comments (2002), Science 298, 917a]