Medizinethikerin kritisiert „Evolutionsmedizin“

„Evolutionsmedizin, relativ junge Forschungsrichtung der Medizin, die Gesundheit und Krankheit systematisch unter evolutionsbiologischen Gesichtspunkten betrachtet“ – so das „Kompaktlexikon der Biologie“. Seit den 1990er Jahren wird diese neue Anwendung der Evolutionstheorie propagiert. Auch als „Darwinistische Medizin“ ordnet sie Krankheiten des Menschen „evolutionären Ursachen“ zu (Nesse & Williams 1997, 1999):

Die Theorieabhängigkeit dieser Kategorien wurde bereits in einem früheren Beitrag dargestellt (Lindemann 2000). Im folgenden soll es um die Frage gehen, ob Evolutionsmedizin Ärzten eine Hilfe sein kann, ob also z.B. Studenten in Evolutionsmedizin Vorlesungen hören sollten.

Abb.1: Zwei Buchtitel über Evolutionsmedizin. Das Buch von McGuire & Troisi soll eine neue Psychiatrie begründen: „Darwinistische Psychiatrie“.

Kritik kommt in dieser Hinsicht von medizinethischer Seite: Die dänische Medizinethikerin Anne Gammelgaard stellt Sinn und Nutzen der Evolutionsmedizin grundlegend in Frage (Gammelgaard 2000), obgleich sie keine Zweifel an der Evolutionstheorie hat: Was für den Patienten funktionell ist, ist es nicht automatisch aus evolutionärer Sicht für die Species Mensch – oft im Gegenteil. Ärzte und Evolutionsbiologen haben verschiedene Standpunkte. Behandlung ist evolutionär gesehen oft kontraproduktiv, da damit „schlechte“ Gene überleben. Die Medizin hilft dem Individuum, evolutionstheoretisch ist dagegen die Selektion relevant, die auf unterschiedlichen Ebenen agieren kann: Genom, Organismus, Gruppe von Organismen oder der Species. Für die Begründer der Evolutionsmedizin ist das Genom die zentrale Selektionsebene – sonst machte ihr Ansatz wenig Sinn. Es gibt aber Beispiele für „Interessenkollisionen“ von Genom und anderen Selektionsebenen, z.B. bei der Erbkrankheit Chorea Huntington: Sie bricht gegen Ende der fruchtbaren Periode aus, aber ihre Träger zeigen bereits vorher ein verändertes Sozialverhalten mit vermehrten intimen Beziehungen und damit theoretisch mehr Nachkommen.

Überleben und Fortpflanzung eines Organismus sind nicht identisch mit dem Status „Gesundheit“. Viele Krankheiten stören nicht Überleben und Fortpflanzung, aber das Wohlbefinden, so beispielsweise die Blasenschwäche.

Für Gammelgaard kann das Bestreben der Organismen nach Überleben und Vermehrung nicht aus der Evolutionstheorie abgeleitet werden, sondern ist eine ihrer Voraussetzungen, da es kein intrinsisches Ziel von Lebewesen sei. Überleben und Vermehrung sind Angriffspunkte der evolutionären Prozesse und deshalb im Visier von Evolutionsbiologen und werden daher als das primäre Ziel von Organismen wahrgenommen, ohne es tatsächlich zu sein. Folglich steht die Evolutionsmedizin auf einem zu engen und fragwürdigen theoretischen Fundament, wenn die Entstehung von Krankheiten nur im Zusammenhang mit dem Bestreben des Organismus nach Überleben und Fortpflanzung analysiert wird.

Gammelgaard folgert: Die darwinistische Medizin erklärt unsere Anfälligkeit für manche Krankheiten und kann, basierend auf der Funktion von Gegenreaktionen des Körpers, einige neue Therapieansätze vorschlagen. Aber die evolutionäre Sicht auf die Entstehung und die Bedeutung von Krankheiten ist völlig anders als die medizinische.

Evolutionskritisch wurde ähnlich argumentiert: „Es ist nicht ganz klar, wo der Nutzen einer darwinistischen Medizin für den Patienten liegen soll. Die Autoren würden wahrscheinlich die verbesserte Patienteninformation und -aufklärung nennen. (...) Außerdem erhoffen sich die Autoren (...) Forschungsansätze auf der Basis der erweiterten, finalen Betrachtung mit einem besseren theoretischem Verständnis von humaner Physiologie und Pathophysiologie. Freilich genügt es dafür, generell von einer sinnvollen, zielgerichteten Konstruktion des menschlichen Körpers auszugehen – ohne Annahmen über Konstrukteur und Konstruktionsmethode zu machen“ (Lindemann 2000)

Im „Deutschen Ärzteblatt“ fehlen Beiträge zur Evolutionsmedizin, wie eine Literaturrecherche zeigte – die „Praktiker“ wissen längst, daß diese nicht nur anfechtbar, sondern für sie irrelevant ist.

WL

[Gammelgaard A (2000) Evolutionary biology and the concept of disease. Medicine Health Care and Philosophy 3, 109-116; Kompaktlexikon der Biologie in drei Bänden. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, 2001; Lindemann WB (2000) Warum wir krank werden. Die Antworten der Evolutionsmedizin (Rezension). Stud. Int. J. 7, 46-48; McGuire M & Troisi A (1998) Darwinian Psychiatry, Oxford; Nesse RM & Williams GC (1997) Warum wir krank werden. Die Antworten der Evolutionsmedizin. München; Nesse RM & Williams GC (1999) Der evolutionäre Ursprung von Krankheiten, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1999, S. 38-46.]