Kraken mit „Menschenarm“

Abb.1: Octopus vulgaris. Foto: Christian Dreber

Der Bau der Gliedmaßen der Landwirbeltiere wird als Paradebeispiel für das Homologie-Argument der Evolutionstheorie verwendet. Schon Charles Darwin wunderte sich darüber, daß grabende, laufende oder fliegende Wirbeltiere denselben Bauplan im Knochengerüst ihrer Extremitäten verwenden und sah darin einen Beleg für gemeinsame Abstammung. Das Homologie-Argument „lebt“ aber nicht allein von der Ähnlichkeit der Baupläne, sondern beruht auf der Mutmßung, daß die Ähnlichkeit ausgeprägter sei als die Funktion dies erfordere. Diese Argumentation erweist sich bei genauerer Anlayse allerdings als fragwürdig (Diskussion bei Junker 2002). Eine Studie an den Bewegungsweisen der Krakenarme macht dies erneut deutlich. Denn Untersuchungen von Binyamin Hochner und Mitarbeitern von der Hebrew University in Jerusalem zeigten, daß die Kraken (Octopus vulgaris; Abb. 1) ihre langen Greifarme teilweise versteifen, wenn sie ein Stück Beute ins Maul stopfen. Dabei benutzen sie durch die Versteifung den jeweiligen Arm ganz ähnlich wie der Mensch: Nur drei Stellen bleiben gelenkig und beweglich, dem Handgelenk, dem Ellenbogen und dem Schultergelenk vergleichbar. Für die Wissenschaftler zeigt sich damit, daß diese Unterteilung von Gliedmaßen die optimale Lösung für das Heranholen von Objekten ist. Die genaue Auswertung von Filmaufnahmen ergab, daß die Abschnitte zwischen dem vorderen und dem mittleren sowie dem mittleren und dem hinteren Gelenk fast genau gleich lang waren. Damit seien die Arme genauso unterteilt wie die von Wirbeltieren.

Damit liefert die Studie ein Argument dafür, daß der Gliedmaßen-Bauplan der Wirbeltiere alleine funktionell, ohne Rückgriff auf eine hypothetische Stammesgeschichte verstehbar ist. „It is surprising, given the large number of possible ways in which a flexible arm could convey an object to the mouth, that the octopus uses a quasi-articulated structure that resembles the multijointed, articulated limbs of animals with rigid skeletons“ (Sumbre et al. 2005). Einen Vorteil gegenüber Wirbeltieren haben die Kraken allerdings: Sie können die Geometrie ihres Armes an die jeweilige Situation anpassen und die starren Abschnitte unterschiedlich lang machen.

RJ

[Junker R (2002) Ähnlichkeiten, Rudimente, Atavismen. Holzgerlingen; Sumbre G, Fiorito G, Flash T & Hochner B (2005) Motor control of flexible octopus arms. Nature 433, 595]