Atemberaubende Konvergenz

Das evolutionäre Homologie-Argument wird durch zwei immer wieder nachweisbare Befunde geschwächt: Im vorigen Beitrag über die Krakenarme ging es darum, daß bestimmte Bauplanmuster funktionell verstehbar sind und keine „unnötige“ Ähnlichkeit besitzen, die nur stammesgeschichtlich als historisches Relikt erklärbar wären. Das Homologie-Argument wird zum zweiten dadurch in Frage gestellt, daß Merkmale, die nach üblichen vergleichenden Kriterien als homolog gewertet werden müßten, zwei- oder mehrfach unabhängig entstanden sind. Man spricht in solchen Fällen von Konvergenz. Ein höchst erstaunliches Beispiel dafür liefert der Geruchssinn des Palmendiebs (Birgus latro), einer bis 4 kg schweren ausschließlich landlebenden Krabbe. Ihren sonderbaren Namen verdankt sie ihrer Fähigkeit, auf Palmen zu klettern, um Kokosnüsse zu ergattern. Evolutionär soll der Palmendieb von wasserlebenden Krabben abstammen. Die Eroberung des Landes erforderte unter anderem tiefgreifende Veränderungen des Geruchssinnes, da die Anforderungen unter Wasser und an Land sehr verschieden sind. Markus Stensmyr und Bill S. Hansson untersuchten zusammen mit weiteren Wissenschaftlern das Geruchssystem dieser eindrucksvollen Tiere und stellten dabei fest, daß es dem von Insekten verblüffend ähnlich ist, und zwar sowohl in funktioneller als auch verhaltensbiologischer und morphologischer Hinsicht. Die Autoren bemerken: „The insect nose of the robber crab is a striking example of convergent evolution and nicely illustrates how similar selection pressures result in similar adaptation“ (Stensmyr et al. 2005, 116). Daß gleichsinniger Selektionsdruck für diese beeindruckenden Übereinstimmungen geltend gemacht werden kann, darf bezweifelt werden. Wenn aber solche tiefgreifenden Ähnlichkeiten konvergent entstehen konnten, folgt daraus, daß Ähnlichkeiten – auch wenn sie komplex sind – allgemein nicht zwingend als Hinweise auf gemeinsame Abstammung gewertet werden können – wie im Falle des Palmendiebs.

RJ

[Stensmyr MC, Erland S, Hallberg E, Allén R, Greenaway P & Hansson BS (2005) Insect-Like Olfactory Adaptations in the Terrestrial Giant Robber Crab. Curr. Biol. 15, 116-121.]