War der Neandertaler ein begabter Eiszeitmusiker?
– Elfenbeinflöte und Gesang
In einer Pressemitteilung der Universität Tübingen vom 16. 12. 2004 wird über eine sehr alte und kunstvolle Elfenbeinflöte aus der Schwäbischen Alb berichtet, die man bei der Sichtung vieler Elfenbeinfragmente im Zuge der Fundplatzauswertung vom Geißenklösterle entdeckte. Die Rekonstruktion der 18,7 cm großen Flöte gelang aus 31 Fragmenten feinstem Mammutelfenbein. Nicholas Conard, der Leiter des Forscherteams, und Mitarbeiter berichten von dieser Entdeckung in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Archäologisches Korrespondenzblatt. In der süddeutschen Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren/Ulm wurden zuvor schon zwei andere Flöten aus Vogelknochen und andere Kunstgegenstände wie kleine Elfenbeinfigürchen gefunden. Diese Entdeckung ist umso faszinierender, als es sich bei den Herstellern um Neandertaler gehandelt haben könnte (vgl. Hartwig-Scherer 2004).
Die 3 Flöten, die man im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart besichtigen kann, sind die weitaus ältesten bekannten Musikinstrumente. Das geologische Alter des Fundhorizontes zwischen 37.000-30.000 Jahre liegt im Zeitraum der letzten Neandertaler und der ersten modernen Menschen. Die letzte der drei Flöten ist von außerordentlicher Qualität, hatte mindestens drei Löcher und setzt ein erstaunliches musikalisches Empfinden voraus. Das Ausgangsmaterial war vom erlesensten Mammutzahn, das damals zugänglich war. Eine Flöte aus Elfenbein herzustellen ist wesentlich komplexer als aus einem Vogelknochen, der schon hohl ist. Der krumme Mammutzahn wurde halbiert, ausgehöhlt und luftdicht (!) verbunden und zusammengeklebt. Eine von einem Musikwissenschaftler aus Ebenholz nachgebaute Flöte läßt erahnen, welch ansprechende Melodien man auf diesem Instrument spielen konnte. Nach Friedrich Seeberger, einem Spezialisten für archäologische Musik, erlaubten diese aurignacienzeitlichen Flöten eine variantenreiche und nach heutigen Maßstäben ästhetisch ansprechende Musik. Untersuchungen am Kehlkopf des Neandertalers vom englischen Archäologen Stephen Mithen weisen diesem eine hohe feine Singstimme zu (Süddeutsche Zeitung Nr. 24 vom 31. 1. 2005), so daß der Vorstellung von Höhlenkonzerten nichts mehr im Wege steht.
Conard hält es für möglich, daß Süddeutschland ein Entwicklungszentrum menschlicher Kunst war. Daß dieser Ursprung bei den Neandertalern liegen könnte, war bis vor kurzem undenkbar.
SHS
[Conard NJ et al. (2004) Archoläogisches Korrespondenzblatt 34, 447-462; http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pm/pm2004/pm824.html; Conard NJ (2004) Palaeolithic ivory sculptures from southwestern Germany and the origins of figurative art. Nature 426, 830-832; Hartwig-Scherer S (2004) Wundersame Eiszeitkunst: Waren die Neandertaler die ältesten Kulturträger? Stud. Int. J. 11, 86-88.]