Das älteste Insekt ist nicht primitiv
Insekten (Hexapoda) bilden – gemessen an der Anzahl ihrer Arten – die weitaus vielfältigste Tiergruppe, und ökologisch beherrschen sie die Landlebensräume. Der Ursprung dieser immensen Formenvielfalt ist jedoch unklar. Fossilien geben darüber kaum Auskunft. Aus dem berühmten unterdevonischen Rhynie-Chert (Schottland, bei Aberdeen gelegen), das für hervorragend erhaltene Funde früher Landpflanzen bekannt ist, stammt der Springschwanz Rhyniella praecursor, der lange als ältester Hexapode galt. Er gehört zur Insekten-Unterklasse der Entognatha (Sackkiefer). Von der weitaus größeren Unterklasse der Ectognatha (Insekten mit freien Mandibeln und ersten Maxillen) entstammten bislang die ältesten Funde aus dem jüngeren Devon Nordamerikas. Nun beschreiben Engel & Grimaldi (2004) fossile Reste eines neuen Fundes aus dem Rhynie-Chert: Rhyniognatha birsti erweist sich nicht nur als ältestes ectognathes Insekt, sondern als relativ abgeleitet („höherentwickelt“) innerhalb der basalen Ectognathen. Die Autoren vermuten daher, daß Insektenflügel früher als bisher gedacht entstanden sind. Insekten sollte es demnach bereits im Silur gegeben haben; sie würden daher zur ältesten Landfauna gehören. Dieses Beispiel reiht sich in weitere ähnliche Fälle ein, wonach die ältesten fossil überlieferten Formen einer Tiergruppe nicht als die primitivsten eingestuft werden (vgl. Stud. Int. J. 10, 90 über den Ginkgo-Baum; Stud. Int. J. 10, 30-32 über Schildkröten; Stud. Int. J. 6, 44 über Einkeimblättler. Es sei auch auf die Problematik der Einstufung in „primitiv“ und „abgeleitet“ hingewiesen.)
RJ
[Engel MS & Grimaldi DA (2004) New light shed on the oldest insect. Nature 427, 627-630.]