Kieselalgenschalen – spielerisches Design?

Abb.1: Diatomee Navicula cryptotenella. (Foto: Anita Günther)

Die Welt der Lebewesen ist voller seltsamer, ausgefallener Formen und Konstruktionen. Dem unbefangenen Betrachter drängt sich nicht selten der Eindruck auf, eine Spielerei vor sich zu haben. Man denke nur etwa an ausgefallene Körperformen wie beim Seepferdchen oder beim Fetzenfisch. Für den Evolutionsbiologen stellt sich die etwas nüchternere Frage nach den Selektionsdrücken, die eine Voraussetzung für eine evolutive Entstehung ungewöhnlicher Formen sind. Was ist die Triebfeder für das Ausgefallene?

Diese Frage wirft Christian Hamm in einem Beitrag über die Schalen der Kieselalgen (Diatomeen) auf. Kieselalgen besitzen komplexe, meist sehr ästhetische Schalen aus Silikat (vgl. Abb. 1). Stecken hinter den unterschiedlichsten Formen der Gehäuse auch entsprechend verschiedene Funktionen? Erstaunlicherweise verneinte ausgerechnet der vehemente Darwinismus-Verfechter Ernst Haeckel gerade dies. Neue Untersuchungen im Zusammenhang mit den Freßfeinden der Diatomeen zeigen aber, daß die Silikatgehäuse in ihrer Kombination von Material und Struktur eine erhebliche Stabilität aufweisen und somit eine effektiven Fraßschutz bieten. Vereinfachungen in der Schalengeometrie führen zu einer deutlich geringen Festigkeit. Dennoch bleibt die Frage, welche Ursache die immense Vielfalt der Formen ermöglichte. Weshalb gibt es nicht nur einige wenige zweckmäßige Standardgehäuse? Davon abgesehen ist ein Selektionsvorteil der fertigen Struktur nur eine notwendige Voraussetzung für ihre evolutive Entstehung; ein evolutiver Weg ihrer Entstehung wird damit nicht begründet.

RJ

[Hamm C (2003) Kieselalgenschalen – Spielerei oder Anpassung? Biol. in uns. Zeit 33, 142-143.]