Spinnfaden aus der Unterkreide
Von einer Exkursion im Libanon hatten Schlee und Mitarbeiter 1969 Stücke für das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart mitgebracht und dort archiviert (Schlee & Dietrich 1970). Die Bernsteine waren aus einer Lagerstätte in der Nähe von Jezzine (Südlibanon) gesammelt worden, die dem Hauterive/Unterkreide (127-132 Millionen Jahre) zugeordnet wird. Die dort gefundenen Bernsteine sind derzeit die ältesten mit Insekten-Einschlüssen.
Eines dieser Stücke (C19/2) wurde kürzlich von Zschokke (2003) näher untersucht und beschrieben. Darin eingeschlossen ist ein Spinnfaden von ca. 4 mm Länge und einem Durchmesser von ca. 3 µm (vgl. Abb. 1). Am Faden befinden sich 38 Klebetröpfchen in zwei Bereichen; sie sind 7-29 µm groß; es finden sich 22 Tröpfchen pro mm. Kleine und größere Tröpfchen wechseln sich ab; es handelt sich um halbdurchsichtige Kügelchen, die entlang des Fadens etwas ellipsoid verzerrt sind.

Abb.1: Teil eines Spinnenfadens aus der Unterkreide in Bernstein konserviert. (Abdruck mit freundlicher Genehmigung von S. Zschokke)
Nach Ansicht von Zschokke ist dieser Faden damit denjenigen heutiger Webspinnen (Araneae) auffällig ähnlich. Die geringe Größe macht eine genaue artliche Zuordnung des Fadens allerdings unmöglich. Der Autor vermutet die Herstellerin eher unter den Kugelspinnen (Theridiidae) als unter den Radnetzspinnen (Araneidae), ohne sich allerdings begründet festzulegen.
Für Spinnen liegen weitere aussagekräftige fossile Befunde vor. So hat Selden (1989) Radnetzspinnen aus der Unterkreide aus der Sierra de Montsech (Lérida, Nordost-Spanien) beschrieben und Shear et al. (1989) berichten über eine fossile Spinndrüse aus dem Mittleren Devon aus der Nähe von Gilboa, New York. Durch morphologische Vergleiche vermuten sie eine Verwandschaft der Besitzerin dieser Spinndrüse mit heutigen Gliederspinnen (Mesothelae).
Damit liegen weitere Hinweise dafür vor, daß im Fossilbefund Strukturmerkmale heutiger Lebewesen plötzlich fertig auftauchen; und zwar ohne daß irgendwelche weniger komplexe Vorläuferkonstruktionen bekannt wären oder die Strukturen sich im Verlauf der Erdgeschichte grundlegend geändert hätten.
HB
[Schlee D & Dietrich HG (1970) Insektenführender Bernstein aus der Unterkreide des Libanon. Neues Jb. Geol. Paläontol. Mh. 1, 40-50; Selder PA (1989) Orb-web weaving spiders in the early Cretaceous. Nature 340, 711-713; Shear WA, Palmer JM, Coddington JA, Bonamo PM (1989) A Devonian spinneret: early evidence of spiders and silk use. Science 246, 479-481; Zschokke S (2003) Spider-web silk from the early Cretaceous. Nature 424, 636-637.]