Ein weiterer Tierstamm im Kambrium
Innerhalb des Kambriums tauchen Fossilien aus allen bekannten Tierstämmen auf; dazu kommen einige bald wieder erloschene. Im vorausgehenden Präkambrium fehlen sie vollständig (ELICKI 2003). Manche Strukturen im späten Präkambrium werden allerdings teilweise als Weide- und Grabspuren von „Ur“-Mollusken oder Seerosen, also von Angehörigen bekannter Tierstämme, gedeutet (SEILACHER 2003, 74-79); doch sind diese Deutungen mit Unsicherheiten behaftet. Paläontologen sprechen von der „kambrischen Explosion“ des Lebens. Die Ursachen dafür sind unklar und umstritten. Manche Forscher halten die kambrische Explosion für ein Überlieferungs-Artefakt, also sozusagen eine optische Täuschung aufgrund ungünstiger fossiler Erhaltungsbedingungen im Präkambrium. Aber dagegen sprechen eine ganze Anzahl Fossillagerstätten besonders im späten Präkambrium mit Weichkörper-Abdrücken; diese führen jedoch völlig andere, sehr fremdartige Lebensformen (sog. Vendobionten; CONWAY MORRIS 2000; SEILACHER 2003, 70-74). Die Vielfalt der bereits im Kambrium dokumentierten Formen hat in den letzten Jahren weiter zugenommen. So berichten CHEN & HUANG (2002) von einem unterkambrischen Fossil, das aufgrund einer Reihe von Merkmalen zu den Pfeilwürmern gestellt werden kann. Pfeilwürmer (Chaetognatha; „Borstenkiefer“) sind langgestreckte, runde, glashelle, räuberische, sehr schnell schwimmende Planktonbewohner von pfeilartiger Gestalt mit relativ kräftigen, hakenartigen Greiforganen (Borsten; namengebendes Merkmal) rechts und links der Mundhöhle; seitlich tragen sie horizontale Flossenpaare (HENTSCHEL & WAGNER 1986, 164). Die etwa 100 heutigen Arten dieser Gruppe leben weltweit in den Ozeanen und spielen in der Nahrungskette eine große Rolle. Fossil sind sie kaum bekannt. Ein sicherer Pfeilwurmfund stammt aus dem Karbon, weitere unsichere aus dem Mittleren Kambrium Sie wurden in Konservat-Fossillagerstätten gefunden; dieser Umstand und der relativ zarte Körperbau dürften hier die großen Überlieferungslücken erklären.
Der neue Fund erweitert die geologische Spanne, in der Pfeilwürmer bekannt sind. Es handelt sich um ein etwa 2,5 cm langes Tier mit dem Namen Eognathacantha ercainella. Für die Zugehörigkeit zu den Pfeilwürmern spricht ein verbreiterter Kopf, der vom Rumpf abgesetzt ist, die Ausbildung eines Schwanzes, das Vorkommen von Greifhaken und eventuell Zähnen am Kopf und eine Kappe am Rand zwischen Kopf und Rumpf (ein diagnostisches Merkmal für Chaetognathen) (CHEN & HUANG 2002). Allerdings wurde nur ein Paar schmaler Flossen ohne Flossenstrahlen gefunden. Auch wenn die Deutung mit Unsicherheiten behaftet ist, wurde mit diesem Fund die Formenfülle des unteren Kambriums erneut erweitert.
RJ/MS
[CHEN J-Y & HUANG D-Y (2002) A possible Lower Cambrian chaetognath (arrow worm). Science 298, 187; CONWAY MORRIS S (2000) Fossilien vom Typ der Ediacara (Vendium, jüngstes Proterozoikum) in Europa. In: MEISCHNER D (Hg) Europäische Fossillagerstätten. Berlin, S. 11-16; ELICKI O (2003) Das Kambrium. Biol. in uns. Zeit 33, 380-389; HENTSCHEL E & WAGNER G (1986) Zoologisches Wörterbuch. 3. Auflage. Stuttgart; SEILACHER A (2003) Der Garten von Ediacara und die kambrische Explosion. In: HANSCH W (Hg) Katastrophen in der Erdgeschichte. Museo 19. Heilbronn, 70-81]