Trilobit mit Sonnenblende

Abb.1: Der Trilobit Erbenochile erbeni (Alberti) aus dem Unterdevon Südmarokkos. A von hinten, B von der Seite, C von oben, D, E Details des Auges von der Seite aus. In E ist zu sehen, wie die Sonnenblende das Licht von oben abschirmt. (Aus Fortey & Chatterton 2004, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.)
Ein Trilobit mit auffälligen Merkmalen im Aufbau der Augen aus dem Devon von Marokko wird von Fortey & Chatterton (2003) beschrieben. Erstmals wurde ein komplettes Tier von der bereits beschriebenen Art Erbenochile entdeckt und geborgen. Die Autoren konzentrieren sich in ihrer kurzen Beschreibung auf den Kopfbereich und besonders auf den Aufbau der Augen. Das Exemplar, ein Vertreter der Ordnung Phacopsida, weist eine bemerkenswerte Augenkonstruktion auf: Zwei turmartige Strukturen stehen in auffälliger Weise vom Kopf ab. Jede dieser Konstruktionen enthält vertikal angeordnete Reihen aus jeweils 18 Calzit-Linsen (insgesamt etwa 560). Die Linsen sind so angeordnet, daß das Gesichtsfeld des Trilobiten die gesamte Sedimentoberfläche umfaßt, auf welcher er lebt, 360° in horizontaler Richtung. Die Höhe der „Augentürme“ erlaubt seinem Besitzer auch einen Blick über die Schulter.
Der Aufbau der Augen unterscheidet sich von bisher bekannten Trilobitenaugen durch einen ausgestülpten Rand, der als Sonnenblende für senkrecht von oben einfallendes Licht wirkt. Die Autoren demonstrieren (Abb. 1D und E), daß dieses besondere Strukturmerkmal von oben herabkommendes Streulicht und Licht wirksam für die Linsen ausblendet. Die Autoren stellen fest, daß dieser Trilobit eine eigene Lösung entwickelt hat, um den devonischen Meeresboden ohne Ablenkung überblicken zu können, wodurch er dort kleinste Bewegungen auch aus einiger Entfernung feststellen kann. Mit dieser Sonnenblende ist nach Meinung der Autoren erstmals ein direkter Hinweis auf die Tagaktivität von Trilobiten vorgelegt worden, bisher war darüber nur spekuliert worden. Bei Nacht nützt diese Einrichtung nämlich wenig.
Dieser neue, in seinen Details faszinierende Befund gibt Anlaß zum Staunen über hochspezialisierte Einrichtungen selbst bei Lebewesen, die wir heute gar nicht mehr direkt lebend beobachten können.
HB
[Fortey R & Chatterton B (2003) A Devonian trilobite with an eyeshade. Science 301, 1689]