Das „missing link“ in der Evolution der Gattung Gingko
So lautet der Titel eines im Juni 2003 erschienenen KurzbeitragsinderZeitschriftNature (ZHOU&ZHANG 2003). Bei solcher Überschrift erwartet man die Präsentation einer Zwischenform zwischen rezenten und fossilen Vertretern der Gattung. Aber der Artikel hält nicht, was er verspricht, was übrigens bereits aus dem Untertitel des Artikels hervorgeht, der im Grunde im Widerspruch zum Haupttitel steht: „Der moderne Ginkgo-Baum hat sich seit den Tagen der Dinosaurier kaum verändert.“

Abb.1: Unterschiedliche Blätter eines rezenten Ginkgo-Baumes. Neben den typischen Blättern, die an der Spitze zwei- (bis mehr-)lappig sind, gibt es auch tiefer geteilte Blätter. Solche und noch stärker geteilte Blätter sind für Vertreter aus dem Jura und aus der Kreide typisch.
Der bekannte Ginkgo, auch Fächerbaum genannt, ist ein Nacktsamer mit flächig entwickelten, aber sonst nadelblattartigen Blättern. Man trifft den Baum bei uns nicht selten in Parkanlagen. Ginkgo ist eines der bekanntesten Beispiele für ein lebendes Fossil. Die Pflanze war nämlich zunächst nur fossil bekannt, z.B. auch aus Deutschland, und wurde erst viel später auch rezent gefunden, und zwar in Tempelgärten Chinas und Japans. Die rezenten Vorkommen stimmen in ihren Merkmalen mit den fossilen in hohem Maße überein, was in allen einschlägigen Lehrbüchern als sehr erstaunliches Phänomen gewürdigt wird.
Heutiger Ginkgo ist recht variabel. Typisch und bekannt sind die an der Spitze leicht geteilten Blätter, die auch zum Artnamen geführt haben (biloba = zweilappig). Es gibt aber auch ungelappte und – namentlich an Langtrieben und bei Jungpflanzen – etwas tiefer gelappte Blätter (vgl. Abb. 1), worauf übrigens auch die Autoren hinweisen. Der älteste Ginkgo aus dem Jura, G. yimaensis, mit 170 Millionen Jahren datiert, hat besonders tief geteilte Blätter, ähnlich ist es bei der neu gefundenen Art aus der Unterkreide Chinas (Yixian Formation), deren Alter mit 121 Millionen Jahren angegeben wird. Allerdings liegt die schon länger bekannte Art G. adiantoides aus dem Tertiär nicht, wie zu erwarten, intermediär, sondern ist offenbar gar nicht gelappt.
Eine Zwischenstellung wäre also allenfalls im Bereich der weiblichen Blüten zu suchen, bei denen durch die neuen Funde aus der Kreide die bisher klaffende Lücke in der Fossilüberlieferung von über 100 Millionen Jahren geschlossen wurde. Hier ergibt sich folgendes Bild: G. biloba hat je Kurztrieb eine Blüte mit je 2 (selten mehr) ungestielten Samenanlagen, von denen gewöhnlich nur eine ausreift. G. adiantoides hat denselben Blütentyp, aber gewöhnlich zwei Blüten je Kurztrieb. Die neue Ginkgo-Art hat mehrere Blüten mit jeweils mehreren (bis zu 6) ungestielten Samenanlagen, von denen vermutlich nur 1-3 ausreiften. G. yimaensis aus dem Jura besitzt ca. 2 Blüten je Kurztrieb mit deutlich gestielten Samenanlagen und Samen. So ist also, wie die Autoren hervorheben, der neu gefundene Ginkgo dem rezenten Ginkgo ähnlicher als dem aus dem Jura
Jedenfalls handelt es sich bei dem neuen Fossil aus der Kreide nicht um das angekündigte „missing link“, bei dem bezüglich Blüten und Blättern eine zwischen den Funden aus Jura und Tertiär vermittelnde Situation zu erwarten wäre. Vielmehr handelt es sich um eine weitere Bestätigung dafür, daß sich in bestimmten Verwandtschaftskreisen Pflanzen über viele Millionen Jahre herkömmlicher Zeitrechnung nahezu unverändert erhalten haben.
HK
[ZHOU Z-Y & ZHANG B-L (2003) The missing link in Ginkgo evolution. Nature 423, 821-822.]