Insekten zweimal entstanden?

In Abhandlungen zur Evolutionslehre wird gerne darauf hingewiesen, daß evolutionstheoretische Erwartungen durch später gemachte Funde oder Experimente bestätigt worden seien. Es gibt jedoch auch ungezählte Beispiele dafür, daß solche Erwartungen widerlegt wurden.

Ein Beispiel dieser Art sind im März 2003 veröffentlichte Befunde, wonach überrachenderweise die Insekten (Hexapoda) nicht monophyletisch (ein einziges Mal entstanden), sondern mehrfach entstanden sein sollen. Bislang war es unter den Systematikern unstrittig, daß die Insekten, zu denen u. a. Zweiflügler, Hautflügler, Käfer, Wanzen, Heuschrecken, Libellen und Schmetterlinge gehören, nur einmal evolutiv entstanden sind. Dafür sprechen zahlreiche Ähnlichkeiten im Bauplan der Tiere. Zusammen mit den Spinnentieren (Chelicerata), Krebstieren (Crustacea) und Tausendfüßlern (Myriapoda) bilden sie den größten Tierstamm, die Gliederfüßer (Arthropoda).

Aufgrund der morphologisch klar begründbaren Monophylie der Insekten durfte man erwarten, daß diese durch molekulare Daten bestätigt wird. Untersuchungen von NARDI und Mitarbeitern (2003) brachten hier jedoch eine Überraschung. Nach genetischen Analysen der kompletten mitochondrialen DNA müssen die Springschwänze (Collembola) vom Rest der Insekten herausgenommen werden; mehrere Arten von Krustentieren stehen demnach dem Hauptteil der Insekten näher als die beiden untersuchten Springschwanzarten. Nach diesen Daten bleibt evolutionstheoretisch nur die Schlußfolgerung, daß die Insekten und mit ihnen wesentliche Merkmale ihres Bauplans mindestens zweimal unabhängig entstanden sind – eine völlig unerwartete Konvergenz (vgl. THOMAS 2003).

Die Evolutionslehre wird durch solche Befunde kaum erschüttert werden; dafür ist sie zu anpassungsfähig. Aber es wird einmal mehr deutlich, daß die vorliegenden Daten nicht zwingend zur Evolutionsanschauung hinführen und daß umgekehrt aus Evolutionstheorien keine eindeutigen Schlußfolgerungen für zu erwartende Beobachtungen gezogen werden können. Letzteres wird häufig als Kritik an Schöpfungsvorstellungen gerichtet (vgl. JUNKER 2003), doch trifft diese Kritik offenbar auch die Evolutionslehre. Eine eindeutige Beziehung zwischen den Daten und ihren Deutungen im Rahmen von Ursprungsvorstellungen gibt es offenbar nicht. Die Natur ist dafür zu kompliziert.

RJ

[JUNKER R (2003) Baum, Baukasten, Netzwerk. Ist die evolutionäre Systematik zirkelschlüssig? Stud. Int. J. 10, 3-11; NARDI F, SPINSATI G, BOORE JL, CARAPELLI A, DALLAI R & FRATIF (2003) Hexapod Origins: Monophyletic or Paraphyetic? Science 299, 1887-1889; THOMAS RH (2003) Wingless Insects and Plucked Chickens. Science 299, 1854-1855]