Flechten-Symbiose: mehrfache Entstehung
Etwa ein Fünftel aller heute lebenden Pilze bilden obligate Symbiosen mit Grünalgen oder Cyanobakterien, d. h. sie existieren nur in einer Vergesellschaftung mit dem photosynthetischen Partner. Solche Symbiosen sind als Flechten bekannt. Aufgrund der großen Vielfalt der Flechten und dem häufigen Vorkommen von nahe verwandten Arten der Ascomycota (Schlauchpilze), die z.T. symbiontisch, z. T. nicht-symbiontisch leben, wurde schon länger eine mehrfache unabhängige Entstehung von Flechten allgemein angenommen (vgl. Gargas et al. 1995). Je nach zugrundeliegender Taxonomie kommen in 15-18 Ordnungen der Ascomycota flechtenbildende Arten vor. Darunter finden sich in 8-11 Ordnungen sowohl flechtenbildende als auch nicht-symbiontische Arten. In einer phylogenetischen Studie verglichen Lutzoni et al. (2001) die Sequenzen der kleinen und der großen Untereinheit der ribosomalen DNA des Zellkerns von 52 Arten aus 24 Ordnungen der Ascomycota. Aus den daraus resultierenden Dendrogrammen muß geschlossen werden, daß ein Verlust der Symbiose häufiger zu verzeichnen ist als der Übergang von der nicht-symbiontischen Lebensweise zur Symbiose. Angesichts der Tatsache, daß Symbiosen komplexe Beziehungen erfordern, deren Erwerb und Aufgabe „aufwendig“ sein dürfte, ist dieses Ergebnis evolutionstheoretisch eher unerwartet. Es wäre zu klären, ob polyvalente Stammformen denkbar sind, zu deren „Repertoire“ sowohl die symbiontische als auch nicht-symbiontische Lebensweise gehörte.
RJ
[Garga A, DePriest P, Grube M & Tehler A (1995) Multiple origins of lichen symbiosis in fungi suggested by SSU rDNA phylogeny. Science 268, 1492-1495; Lutzoni F, Pagel M & Reeb V (2001) Major fungal lineages are derived from lichen symbiotic ancestors. Nature 411, 937-940.]