Verwesungsgeruch als Attraktion

Abb.1: Verwandt mit Helicodiceros: Der heimische Aronstab (Arum maculatum).

Das auf den Mittelmeerinseln Korsika, Sardinien und den Balearen beheimatete Aronstabgewächs (Araceae) Helicodiceros muscivorus lockt für die Bestäubung vornehmlich Schmeißfliegen (Colliphoridae) an. Zur Anlockung dienen der Pflanze der besondere Blütenaufbau (s. Junker & Wiskin 2002), Farbe (die Innenseite des Hochblatts ist purpurrot), Bau der Hochblattscheide und leichtflüchtige Schwefelverbindungen, die an den Geruch von verwesendem Fleisch erinnern. Die Übersetzung des volkstümlichen Namens der Pflanze lautet dementsprechend „Totes Pferd“. Viele Schmeißfliegen nutzen Aas zur Eiablage.

Hansson und Mitarbeiter (2002) haben analytisch nachgewiesen, daß die Geruchsstoffe, die von Kadavern ausgehen, und diejenigen von Helicodiceros muscivorus dieselben Komponenten aufweisen (Dimethylsulfid, Dimethyldisulfid und zwei strukturell unterschiedliche Dimethyltrisulfidverbindungen). Diese Verbindungen entstehen beim Abbau von Protein in zerfallendem Fleisch und sind für den typischen Verwesungsgeruch verantwortlich. Die Kompositionen aus beiden Geruchsquellen (Blüte bzw. Aas) erwiesen sich im Experiment hinsichtlich ihrer Attraktivität auf die Fliegen als gleich wirksam.

Die Pflanzen blühen typischerweise zwei Tage, wobei der Verwesungsgeruch nur am ersten Tag der Blüte auftritt. Dies wirkt sich nach den Untersuchungsergebnissen auf die Zahl der Insektenbesuche bei der Pflanze aus, welche am zweiten Tag deutlich geringer ist. Präpariert man die Blüten mit einer Mischung der genannten Schwefelverbindungen, dann kann die geruchliche Attraktivität zeitlich ausgedehnt werden, die Zahl der Besuche durch die Bestäuberinsekten ist dann auch am zweiten Tag vergleichbar hoch wie am ersten.

Die Autoren sehen in dieser ungewöhnlichen Methode von Helicodiceros muscivorus, bestäubende Insekten anzulocken, ein „eindrucksvolles Beispiel für evolutionäre Schlauheit“ („striking example of evolutionary cunning“). Dabei ist eigentlich völlig unklar, wie auf verschiedenen Synthesewegen – Proteinabbau in Aas bzw. pflanzliche Biosynthese (inklusive weiterer Randbedingungen, wie z.B.: zeitlich exakte Koordination, Temperaturerhöhung zur Intensivierung des Geruchs usw.) – dieselbe Wirkung auf Schmeißfliegen zu unterschiedlichem Zweck bewerkstelligt werden soll: zur Eiablage hier und Bestäubung da. Die Bemerkung der „Schlauheit“ provoziert die Frage nach deren Quelle und Herkunft.

HB

[Junker R & Wiskin R (2002) Der Natur auf der Spur im Frühlingswald. Dillenburg, S. 54-59; Stensmyr MC, Urru I, Collu I, Celander M, Hansson BS & Angioy A (2002) Rotting smell of dead-horse arum florets. Nature 420, 625-626. Weitere Abbildungen und Informationen z.B. unter folgenden Adressen: http://www.isolevillasimius.it/deu/morfologia.html; http://www.isolevillasimius.it/deu/helicodiceros.html]