Die ersten Echten Menschen – doch nur eine einzige, weitverbreitete Art?
Die ersten Menschen, die unbestritten zur Gattung Homo gehören, wurden bis Mitte der 1980er als eine weitverbreitete Art angesehen, und als Homo erectus mit einer afrikanischen und mit einer asiatischen Ausformung beschrieben. Doch seither aufgrund von diskreten Merkmalsunterschieden und der cladistischen Sichtweise immer wieder darauf hingewiesen, daß es sich um zwei ungefähr gleich alte Arten auf unterschiedlichen Kontinenten handle. Bernard WOOD hatte die Einführung von Homo ergaster für die frühen Afrikanischen Formen gefordert, während die asiatischen (und manche europäischen) Formen die Bezeichnung Homo erectus beibehielten. Nach dieser Vorstellung galt die afrikanische Form weiterhin als Ursprung für die robustere d.h. abgeleitete asiatische Form, die vor ca. 1 MrJ wieder nach Afrika zurückgewandert sein mußte, um Formen wie OH9 aus der Olduvai-Schlucht zu erklären.
Nun soll ein neuer Fund aus Bouri, Äthiopien, die Aufteilung in zwei Arten wieder in Frage stellen. 1997 fand sich im Mittel-Awash-Tal des Afar-Dreiecks ein relativ gut erhaltener Schädel (BOU-VP-2/66) aus der Dakanihylo (= „Daka“) -Schicht, der ungefähr 1 MrJ alt ist und in seinen Merkmalen intermediär zwischen den frühen afrikanischen und den späteren asiatischen Formen ist. Bei den Vergleichen erschienen den Forschern die Merkmale, die ursprünglich zur Artentrennung geführt haben, gar nicht mehr so diskret, sodaß sie aus den Ergebnissen schlossen, daß es sich bei den afrikanischen und asiatischen Formen um eine einzige Chronospezies mit bestenfalls zwei Unterarten handelte. Diese haben sich erst nach dem Auftreten des neuen Fundes in neue Arten aufgepaltet, als es zu klimatischen Veränderungen kam. Ihr Fund würde damit sozusagen den letzten gemeinsamen Vorfahren der beiden Unterarten Homo erectus erectus und Homo erectus ergaster darstellen. Diese hochpolymorphe, cosmopolitische Art Homo erectus hat ähnlich unserer Spezies durch ausgiebige Wanderungsbewegungen von und nach Afrika die ganze Alte Welt besiedelt (siehe Abb. 1 auf S. 69 dieser Ausgabe). Ihre kulturellen Hinterlassenschaften erscheinen demgegenüber erstaunlich eingeschränkt und „monoton“: nach einer längeren Epoche der Olduvai-Abschlag-Steinwerkzeugkultur zeigt sich nach 1,2 MrJ das Acheuléen, das ebenso lange Zeit unverändert besteht.
Die extensiven Wanderungen von und nach Afrika machen die Rückwanderung der asiatischen Form und die nachfolgender Hybridisierung mit den ansässigen afrikanischen ergaster-Formen wahrscheinlich. Damit ließe sich genauso leicht der intermediäre Status vom Daka-Schädel erklären – unabhängig ob es sich bei den betreffenden Formen um eine oder mehrere Arten handelt. Der überaus massive Schädel aus der Olduvaischicht (OH9) könnte aus solchen Verbindungen hervorgegangen sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein gleich alter Schädel aus Eritrea, der als „Mischung aus typischen Merkmalen von H. erectus und H. sapiens und als möglicher Vorläufer für H. sapiens beschrieben wird. Sein Schädeldach ist dem Dakas recht ähnlich. Ist dies nicht ein interessanter Hinweis auf die Merkmalsausprägung einer hochpolyvalenten Form mit erectus, ergaster und eben auch sapiens-Merkmalen?
Homo erectus, im Evolutionsmodell als polymorph und im Grundtypmodell als polyvalent bezeichnet, hat seine möglichen verschiedenen Morphologien zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in unterschiedlicher Weise ausgebildet. Es bleibt für das Grundtypmodell unerheblich, ob es sich beim ersten Echten Menschen um ein oder mehrere Arten handelt, wenn allein die Hybridisierungsfähigkeit als Kriterium für die Zugehörigkeit zu einem Grundtyp – Homo – gewährleistet ist. Und dazu könnte der Daka-Schädel als möglicher Zeuge geltend gemacht werden.
SHS
[ABBATE E et al. (1998) A one million-year-old Homo cranium from the Danakil (Afar) depression of Eritrea. Nature 393, 458-460; ASFAW B, GILBERT WH, BEYENE Y, HART WK, RENNE PR, WOLDEGABRIEL G, VRBA ES & WHITE TD (2002) Remains of Homo erectus from Bouri, Middle Awash, Ethiopia. Nature 416, 317-320; GIBBONS A (2002) African skull points to one human ancestor. Science 295, 2192-2193.]