Parasitische Wespen mit großkalibrigen chemischen Kampfstoffen
Über eine komplizierte Vierecksbeziehung berichten J. A. THOMAS und Mitarbeiter. Der Schmetterling Maculinea rebeli (Kreuzenzian-Ameisenbläuling) legt seine Eier zunächst auf Enzianpflanzen. Die daraus schlüpfenden Larven werden dann von Ameisen, die durch abgesonderte Chemikalien angelockt werden, in deren Nest geholt. Die Weibchen der Schlupfwespe Ichneumon eumerus legen ihre Eier wiederum in M. rebeli-Schmetterlingslarven ab. Nach 11 Monaten verlassen die Nachkommen die Puppe des Wirts. Die Schlupfwespe lebt in ca. 20% von Kolonien ihres Wirtes. Die Schmetterlingslarven ihrerseits leben selbst als Parasiten in den Brutkammern von Ameisennestern (Myrmica schnecki), wo sie Verhalten und die Biochemie flüchtiger Stoffe der Ameisenlarven imitieren.
Die Schlupfwespen suchen nun zuerst Myrmica schnecki-Bauten, die Maculinea rebeli-Larven enthalten, und sondern dann Stoffe ab, welche bei den Ameisen Aggression auslösen, sie zu internen Kämpfen provozieren und so den Schlupfwespenweibchen relativ ungefährdet das Eindringen ermöglichen.
In experimentellen Untersuchungen konnten THOMAS et al. (2002) zeigen, dass das aggressive Verhalten unter den Ameisen durch Stoffe hervorgerufen wird, die durch Lösungsmittel aus den bereits von Schlupfwespen verlassenen Puppenresten extrahiert werden können. Wurden Attrappen aus Teflon mit den Extrakten imprägniert, so lösten sie unter den Ameisen Aggression gegenüber Artgenossen aus. Die analytische Untersuchung des Stoffgemischs ergab langkettige, ungesättigte Alkohole und Aldehyde:
CH3 (CH2)9,11,13/=\ (CH2)7 CH2OH Z-9-C20,22,24-ol
CH3 (CH2)9,11,13/=\ (CH2)7 CHO Z-9-C20,22,24-al
Die Mischung dieser Stoffe veranlaßten die Ameisen, sich zunächst den präparierten Attrappen zu nähern und diese zu untersuchen. Kontakt mit dem Objekt steigerte die Aggressivität der Ameisen derart, daß sie achtmal häufiger ihre Artgenossen anstatt I. eumerus, den Verursacher und Eindringling attackierten. Die bisher bekannten Signalstoffe sind kurzkettige Kohlenwasserstoffe, deren leichte Verdampfbarkeit für die schnelle Verbreitung und Auslösung des Alarms sorgten.
Nur von Formica subintegra, einer Ameisenart, die andere Ameisen versklavt, sind C12 -C16 Aldehyde bekannt, die in vergleichbarer Weise wirksam sind. Die langkettigen Alkohole und Aldehyde von I. eumerus verursachen auch noch nach 50 Tagen aggressives Verhalten unter den Ameisen. Mit der Sekretion dieses Chemikaliencocktails kann die Schlupfwespe 80 % der Individuen einer Ameisenkolonie erfolgreich ablenken. Eine vergleichbare Wirksamkeit von Ausscheidungsprodukten ist nicht bekannt.
THOMAS et al. erhoffen sich von diesen Ergebnissen Impulse zur Entwicklung von Alternativen zum Einsatz von Gift- und Abwehrstoffen zur Kontrolle von schädlichen Ameisen.
Die Ergebnisse zeigen aber auch, mit welchem Aufwand einschließlich dem Einsatz chemischer Kampfstoffe unter Insekten verschiedene Arten einander ausnutzen.
HB
[THOMAS JA, KNAPP JJ, AKINO T, GERTY S, WAKAMURA S, SIMCOX DJ, WARDLAW JC & ELMES GW (2002) Parasitoid secretion provoke ant warfare. Nature 417, 505. Im Internet mit Abbildungen: http://news.nationalgeographic.com/news/2002/05/0530_020530_ants.html]