Vögel – gefiederte Dinos?
von André A. Weller
Studium Integrale Journal
9. Jahrgang / Heft 1 - Mai 2002
Seite 37 - 39

Abb. 1: Compsognathus
Seit der Entdeckung des berühmten fossilen „Urvogels“ Archaeopteryx in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die stammesgeschichtliche Herkunft der Vögel kontrovers diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei häufig die Frage nach der Flugfähigkeit von Archaeopteryx, insbesondere hinsichtlich einer vermuteten Abstammung von zweibeinig laufenden Dinosauriern (Theropoden, z.B. Compsognathus; nach späterer Ansicht Thecodonten; HEILMANN 1926). Basierend auf den frühen anatomisch-morphologischen Studien HUXLEYs im 19. Jahrhundert wurde diese Vorstellung bis in die jüngste Vergangenheit wiederholt von Taxonomen bzw. Paläozoologen aufgegriffen und eine gute Flugleistung zugunsten einer theropoden Herkunft bezweifelt (z.B. BAKKER 1975, OSTROM 1985). Demgegenüber haben andere Evolutionsbiologen bereits frühzeitig auf die „modernen“ Gefiedereigenschaften von Archaeopteryx einschließlich eines gut entwickelten Flugvermögens hingewiesen (vgl. HEINROTH 1926), so daß dessen Rolle als Bindeglied in der frühen Vogelevolution grundsätzlich in Frage gestellt werden muß (FEDUCCIA & TORDOFF 1979). Auch die Anatomie der Füße und Klauen (stärker gebogen als bei Laufvögeln) weist Archaeopteryx als Vertreter der modernen, flugfähigen und baumlebenden Vögel aus (s. z.B. FEDUCCIA 2001a).
Ungeachtet der umstrittenen stammesgeschichtlichen Position von Archaeopteryx haben andere kürzlich entdeckte Fossilien aus der Kreidezeit, die sog. enanthiornithinen Vögel, die Diskussion um den Ursprung der Vögel wiederbelebt. Die neuen Funde zeichnen sich gegenüber – gleichzeitig auftretenden(!) – modernen Formen durch zahlreiche andersartige, spezielle Merkmale aus, beispielsweise einen fleischigen Schwanz, ein verlängertes Pygo-styl (aus miteinander verschmolzenen Wirbeln bestehendes letztes Glied der Schwanzwirbelkette), einen modifizierten Kiel des Brustbeins und vor allem die entgegengesetzte Stellung des Tarsometatarsus (Laufknochen). Einige dieser Gattungen, z.B. Cathyornis, ähneln dem jurassischen Archaeopteryx in wesentlichen Kennzeichen (z.B. in der Schwanzmorphologie). Ein breites Mosaik „primitiver“ und „moderner“ Merkmale charakterisiert die wohl bekanntesten, weil zahlenmäßig am häufigsten gefundenen Vertreter dieser Epoche: die Arten der Gattung Confuciusornis. Einige Paläontologen leiten sie ebenfalls von theropoden, bodenlebenden Sauriern ab (PADIAN & CHIAPPE 1998, OLSON 2000). Demgegenüber hält FEDUCCIA (2001a) eine solche Herkunft (vgl. OSTROM 1973) aus mehreren Gründen für äußerst unwahrscheinlich:

Abb. 2: Archaeopteryx lithographica, der geologisch früheste Vogel, daneben die separat gefundene früheste Feder. (Solnhofener Plattenkalk, Oberjura; Südliche Frankenalb)
Anhand des fossilen Belegmaterials ist ein Vorläufer-„Dino“ als Stammvater aller Vögel momentan nicht in Sicht.
Fazit. Zwar wird eine Abstammung der Vögel von Sauriern (baumbewohnender, flug- bzw. gleitfähiger Typus) auch von FEDUCCIA nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Allerdings erschweren widersprechende Befunde, z.B. über die Identität morphologischer Strukturen (Vogelhandknochen), eine Interpretation stammesgeschichtlicher Zusammenhänge. Anhand des bekannten fossilen Belegmaterials ist aber ein Vorläufer-„Dino“ als Stammvater aller Vögel momentan nicht in Sicht.
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Letzte Änderung: 28.01.2009 •