Zu Wasser, zu Lande oder in der Luft
Widersprüchliche Vorstellungen vom Ursprung des aufrechten Ganges

Ursprünglich waren die Evolutionstheoretiker in der Paläanthropologie davon ausgegangen, daß die Entstehung des aufrechten Gangs (Bipedie) im Sinne der Savannentheorie durch folgenden starken Selektionsdruck angetrieben wurde: die baumlebenden Hominiden (Menschenartigen) mußten aufgrund des klimatisch bedingten Rückgangs des Regenwaldes vom Baum absteigen und sich in der Savanne in möglichst effektiver und sicherer Weise fortbewegen. Der angenommene Vorteil lag vor allem auf der „Befreiung“ der Hände, was das Tragen von Nachkommen, den Transport von Nahrungsmitteln oder von Werkzeug ermöglichte. Andere gingen davon aus, daß die Hominiden durch das Aufrichten im hohem Savannengras frühzeitig Räuber entdecken und Beute ausmachen konnten. Wieder andere sahen in der zweibeinigen Position eine Reduktion der sonnenexponierten Körperoberfläche.

Im Laufe der letzten Dekade mußten die Forscher jedoch zunehmend feststellen, daß sich die Lebensräume, in denen diese frühen Hominiden (Australomorphe) gefunden wurden, durch relativ ausgeprägte Bewaldung auszeichneten und daß die Hominiden ihre Art von aufrechtem Gang also schon beherrschten, ohne daß sie die Bäume hätten verlassen müssen. Der Verlust dieses Selektionsdrucks zwingt die Wissenschaftler, nach anderen Gründen zu suchen, die diese umfassende morphologische Veränderung angetrieben haben könnte.

Aus naheliegendem Grund sucht man nun die Entwicklung des aufrechten Ganges notgedrungen im Lebensstil auf den Bäumen. Robin CROMPTON behauptet sogar, daß Bäume der absolut ideale Entstehungsort für den aufrechten Gang gewesen sei. Durch die Möglichkeit, dort oben balancieren zu lernen, wurde alles perfekt vorbereitet für den Abstieg, den dann das Klima zwei Millionen Jahre später erzwang.

Besonderes Interesse für diese Hypothese zeigen die Finder des 6 Millionen Jahre alten Hominiden Orrorrin (HARTWIG-SCHERER 2001), denn sie behaupten, daß ihr Fund Orrorrin ein Beispiel für eine solche „Baumbipedie“ sei. Die gebogenen Fingerknochen und Fußphalangen und das außergewöhnlich affenähnliche Armskelett seien der Hinweis, daß wir es hier mit einem hangelnden Zweibeiner zu tun hätten. Die Vorstellung, daß eine solche Form die Durchgangsform für den späteren menschlichen Gang darstellt, ist jedoch schwierig, da bislang für eine solche Mosaikform sämtliche überleitenden Zwischenstufen fehlen. Deshalb hat man ja auch alle anderen australopithecinen Formen kurzerhand zur Seite geschoben (HARTWIG-SCHERER 2001). Aus der Sicht der Grundtypenbiologie wäre es jedoch nicht weiter problematisch, sich einen hangelnden zweibeinigen Grundtyp vorzustellen.

Viele Wissenschaftler verhalten sich der Hypothese der Baum-Bipedie gegenüber recht ablehnend. Sie bleiben vorläufig bei der altbewährten Savannen-Vorstellung, auch wenn die relativ dichte Bewaldung für das Absteigen wenig Grund mehr für diese Sicht liefert.

Noch wesentlich kritischer wird die neuerdings wiederbelebte „aquatische Theorie“ aus der Mitte des 20. Jahrhunderts beurteilt. Danach sollen alle wesentlichen Schritte während des Lebens im Wasser geschehen sein: nur so ließe sich der Verlust der Körperbehaarung, die subkutane Fettschicht, die Tauchvermögen der relativ schweren Neugeborenen u.v.m. verstehen. Eine moderate Abwandlung davon – die „amphibische Generalistentheorie“ – wurde unlängst von Carsten NIEMITZ von der Freien Universität Berlin vorgestellt. Da der Mensch sich nicht durch eine hohe Laufgeschwindigkeit auszeichnet (Sprinter im Tierreich können um ein Vielfaches schneller sein), habe ihm die Savanne vor allem während der Trockenzeit Beutetiere vorenthalten, so daß er im Uferbereich nach Schnecken und Krebse suchen mußte, um so seine Nahrung mit tierischen Protein anzureichern. Dabei soll der Menschenvorfahre laut NIEMITZ beim Waten im kniehohen Uferwasser gezwungen gewesen sein, sich länger aufzurichten.

Ob nun Land, Luft oder Wasser: Der Evolutionsbiologie fehlen in jedem Fall plausible Selektionsdrücke. Auf welches Medium sich die Evolutionsbiologen in Zukunft einigen werden, bleibt abzuwarten.

[HARTWIG-SCHERER S (2001) Haben die Australopithecinen ausgedient? Kenyanthropus und Orrorin rütteln am Stammbaum. Stud. Int. J. 8, 85-88; NIEMITZ C (2001) A Theory on the Evolution of the Habitual Orthograde Human Bipedalism – Die ‘amphibische Generalistentheorie‘. Anthropol. Anzeiger; ca. 80 Seiten.]

SHS